Nach den BGH-Entscheidungen zu Lebensversicherungen: Welche Möglichkeiten Versicherten nach einer enttäuschenden Kündigung noch offen?

Nach den BGH-Entscheidungen zu Lebensversicherungen: Welche Möglichkeiten Versicherten nach einer enttäuschenden Kündigung noch offen?
25.07.2014285 Mal gelesen
Zwei Mal hatte der Bundesgerichtshof in den vergangenen Wochen über den Widerspruch bei gekündigten Renten- und Lebensversicherungen zu entscheiden. Die höchstrichterlichen Urteile bringen recht unterschiedliche Ergebnisse für die Versicherten mit sich.

Für viele Versicherte sind Lebensversicherungen wegen ihrer „Garantiezinsen“ weit mehr als eine bloße Risikoabsicherung. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an die beliebte Kapitalanlage. Diese Erwartungen können im Fall einer Kündigung bitter enttäuscht werden, wenn nicht der erwartete Betrag, sondern der Rückkaufswert ausgezahlt wird. Dieses Resultat einer Kündigung war für so manchen Renten- oder Lebensversicherten der Anlass, nach Möglichkeiten zu suchen, wie mehr Geld von der Versicherung gefordert werden kann.

 

Eine Möglichkeit, dieses Ziel durchzusetzen ist der Widerspruch gegen ursprünglichen Vertragsschluss. Widerspricht ein Versicherter wirksam, dann gilt der Versicherungsvertrag als nicht abgeschlossen. Dann entfällt die Grundlage für den vertraglich vereinbarten Rückkaufswert. Die von Versicherten erklärten Widersprüche und die damit einhergehenden Geldforderungen führten zu Rechtsstreiten mit den Versicherungsunternehmen. Da bei Renten- und Lebensversicherungsverträgen, die zwischen 1998 und 2007 abgeschlossen wurden, grundlegende Rechtsfrage zu klären waren, beschäftigte sich der Bundesgerichtshof in den vergangenen Wochen wiederholt mit dem Widerspruch bei Lebens- und Rentenversicherungen.

 

Denn in § 5a Versicherungsvertragsgesetz (alte Fassung bis 2007) war geregelt, dass ein Renten- oder Lebensversicherungsvertrag nur binnen eines Jahres nach dem Bezahlen der ersten Prämie widerrufen werden kann. Renten- und Lebensversicherte hatten jedoch noch deutlich später ihre gekündigten Versicherungsverträge widerrufen, da sie sich auf den Standpunkt stellten, dass diese Ausschlussregelung und das damals vorgeschriebene Policenmodell (Vertrag wird abgeschlossen, wenn der Versicherte nicht binnen 14 Tagen nach Erhalt der Vertragsunterlagen widerspricht) gegen europarechtliche Vorgaben verstoßen.

 

BGH beschäftigte sich wiederholt mit Widerspruch bei gekündigten Lebens- und Rentenversicherungsverträge – mit unterschiedlichen Ergebnissen für die Kläger

 

Ein grundlegendes Urteil zu den Grenzen des Widerspruchsrechts fällte der BGH im Juli 2014. Es ging um den Fall eines Klägers, der 1998 einen Versicherungsvertrag über eine fondsgebundene Lebensversicherung abschloss und dabei ordnungsgemäß über sein Widerspruchsrecht aufgeklärt. Der Kläger kündigte den Vertrag im Jahr 2004 und erklärt 2011 den Widerspruch. Der BGH entschied, dass in diesem Fall dem einstigen Vertragsschluss nicht mehr wirksam widersprochen werden könne, da die ein Jahresfrist längt abgelaufen sei. Auch stelle das Policenmodell keinen Verstoß gegen europarechtlichen Vorgaben dar, sodass die Widerspruchsfrist auch deshalb nicht ausgedehnt werden könne (Urteil vom 16.07.2014 – IV ZR 73/13). Dementsprechend konnte der Kläger nicht mehr als den bereits ausgezahlten Rückkaufswert fordern.

 

Für Versicherte stellt sich nach diesem Urteil die Frage, ob es überhaupt noch Möglichkeiten gibt, sich zu wehren. Dass es noch Ansatzpunkte gibt, zeigt ein Urteil des Bundesgerichtshof, das rund 1 ½ Monate zuvor erging. Auch in diesem Fall hatte der Bundesgerichtshof sich mit dem Widerspruch gegen einen zwischen 1998 und 2007 abgeschlossenen und später gekündigten Versicherungsvertrag auseinanderzusetzen. Das Ergebnis für den Kläger war aber ein gänzlich anderes: Der Widerspruch war wirksam.

 

Im Unterschied zu dem im Juli 2014 entschiedenen Fall, wurde der Kläger beim Abschluss des Rentenversicherungsvertrags jedoch nicht ordnungsgemäß auf sein Widerspruchsrecht hingewiesen. Aufgrund dieses Details beurteilten der Bundesgerichtshof und auch der Gerichtshof der Europäischen Union die Rechtslage anders: Bei einer nicht ordnungsgemäßen Widerrufsbelehrung sei die Ausschlussregelung des § 5a Versicherungsvertragsgesetz (alte Fassung) nicht mit europarechtlichen Vorgaben vereinbar. Die Folge ist, dass auch noch nach Jahren ein Widerspruch gegen den ursprünglichen Vertragsschluss möglich ist (Urteil vom 07.05.2014, Aktenzeichen: IV ZR 76/11).

 

Details entscheiden, ob ein Widerspruch noch möglich ist

 

Die beiden Urteil demonstrieren, dass es trotz des Urteils vom 16.07.2014 für Renten- und Lebensversicherte nach wie vor Chancen gibt, gegen das Ergebnis einer Kündigung vorzugehen. Doch wird auch deutlich, dass die genauen Umstände eines jeden Einzelfalls entscheidend sind. Daher muss der Einzelfall rechtlich überprüft werden – eine generelle Lösung für alle Fälle gibt es nicht. Wenn Versicherte wissen möchten, welche konkreten rechtlichen Möglichkeiten in ihrem Fall offen stehen, sollten sie sich angesichts der komplexen Rechtslage zuvor Rechtsrat einholen.

 

Mehr Informationen zum den beiden Urteilen des Bundesgerichtshofs befinden hier sich auf der Homepage der Kanzlei Dr. Stoll & Kollegen.

 

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