Die Verweigerer

04.08.20062216 Mal gelesen

Die Industrieversicherer haben sich in den vergangenen Monaten saniert. Kritiker werfen ihnen vor: Auf Kosten der Kunden und des Vertrauens in die Branche

von Frank Stocker
unter redaktioneller Begleitung von Jürgen Hennemann


Die Nachtschicht hatte gerade ihre Arbeit aufgenommen, als einer der Arbeiter plötzlich schwarzen Rauch im Lackierraum sah. Kurz danach schlugen auch schon Flammen heraus. Die sofort alarmierte Feuerwehr traf kurz danach ein, doch da brannte die Fabrikhalle der Firma Saarpor im lothringischen Saargemünd schon lichterloh.

Am Morgen danach erblickte Geschäftsführer Ludger Ewers schockiert den Schaden: von der Produktionsstätte waren nur noch einige Streben und verrußte Wellblechteile übrig, Maschinen und Produktionsanlagen komplett zerstört. Geschätzter Schaden: rund sechs Millionen Euro. Der Arbeitsplatz von 24 Mitarbeitern, die hier Holzbalkenimitationen für die Innendekoration herstellten, war vernichtet.

Nach dem ersten Schrecken machte sich Ewers schnell daran, die Katastrophe zu bewältigen. "Die Produktion an unserem französischen Standort Saargemünd sollte so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden, Kunden durften nicht verloren gehen, die Mitarbeiter sollten ihren Arbeitsplatz behalten", nennt er als seinen Antrieb. Ewers setzte dabei auch auf eine rasche Regulierung durch die Versicherung.

Doch da hatte er sich verrechnet. Die Provinzial Rheinland lehnte eine Entschädigung ab. "Obliegenheitsverletzungen" heißt das Zauberwort, auf das sie sich beruft. Saarpor habe Sicherheitsvorkehrungen missachtet. Farben seien nicht ordnungsgemäß gelagert, brennbare Abfälle nicht sachgerecht gesammelt worden. Dies könne die Brandursache sein. Zeugenaussagen und der Bericht des polizeilich eingeschalteten Sachverständigen machen dies jedoch äußerst unwahrscheinlich. Ein unabhängiger Gutachter wies zudem nach, dass sämtliche Vorschriften peinlich genau eingehalten wurden. Das Szenario der Versicherung sei "völlig gesichert auszuschließen". Die Provinzial weigert sich dennoch zu zahlen.

"Dieses Verhalten der Versicherung ist kein Einzelfall", sagt Rechtsanwalt Jürgen Hennemann, Spezialist für Haftungs- und Versicherungsrecht in Buchholz bei Hamburg. "Seit rund zwei Jahren zielen die Industrieversicherer darauf ab, Entschädigungen mit allen Mitteln zu verschleppen und nach Möglichkeit ganz zu vermeiden", stellt er fest. Angebliche Obliegenheitsverletzungen seien dabei ein beliebtes Mittel, denn meist lässt sich irgendeine Vorschrift finden, die der Versicherte etwas zu nachlässig beachtete. "Aus dieser Position der Stärke versucht die Versicherung dann, seinen Kunden in einen inakzeptablen Vergleich zu pressen", so Hennemann.

Die Versicherungen könnten derartigen Vorwürfen entgegentreten, beispielsweise indem sie darlegen, ob die Zahl der Streitfälle mit den Versicherten zugenommen haben. Doch sie tun es auch auf Anfrage nicht. Bei der Axa beispielsweise werden derartige Daten angeblich nicht ausgewertet.

Sicher ist jedoch: Die Industrieversicherer haben sich in den vergangenen Monaten gründlich saniert. Sie haben das Verhältnis von Beitragseinnahmen zu Schadensaufwendungen drastisch verbessert. Im vergangenen Jahr lag die so genannte Schadensquote bei den Industrieversicherern noch bei 105 Prozent. Auf 100 Euro Beitragseinnahmen kamen also 105 Euro an Schadensleistungen. Nach einer Prognose des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), die der WELT am SONNTAG vorliegt, dürfte sich die Quote in diesem Jahr auf 83 Prozent verbessert haben. Allein der Aufwand für Schäden dürfte demnach um über zehn Prozent von 3,6 auf 3,3 Milliarden Euro zurückgegangen sein. Einzelne Versicherer haben sich sogar noch weit drastischer saniert. So sinkt die Bruttoschadensquote im Industrieversicherungssegment des Gerling-Konzerns in diesem Jahr voraussichtlich auf 75 Prozent. Vor zwei Jahren lag sie noch bei 110 Prozent.

Die Industrieversicherer kommen damit ihrem Ziel ein gutes Stück näher, endlich wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Grund für die jahrelangen Verluste war ein "ruinöser Wettbewerb", wie es der GDV nennt. Ihren Kampf um Marktanteile subventionierten die Unternehmen mit satten Gewinnen aus anderen Sparten quer. Als der Wert ihrer Kapitalanlagen dahinschmolz und auch die Lebensversicherungssparten ins Trudeln gerieten, mussten sie das Ruder jedoch herumreißen.

Die nahe liegende Maßnahme waren natürlich Beitragserhöhungen. Wie hoch diese ausfielen? Auch dazu schweigen die Versicherer oder können angeblich keine generelle Aussage treffen. "Um 60 bis 80 Prozent haben die großen Industrieversicherer ihre Beiträge in den vergangenen zwei Jahren angehoben", schätzt jedoch Thomas Straßer, Spezialist für diesen Bereich bei dem Makler VMZ Assekuranz im oberbayerischen Traunstein.

Offenbar ging es dabei aber nicht immer mit rechten Dingen zu. Nach einer Razzia bei den größten deutschen Versicherungsunternehmen sieht das Bundeskartellamt den Verdacht illegaler Preisabsprachen inzwischen als "erhärtet" an. Und Reiner Hagemann, Vorstand des größten deutschen Industrieversicherers Allianz, gibt zu: "Es hat informelle Zirkel gegeben."

Kein Wunder also, dass mancher diesen Unternehmen nun auch unlauteres Verhalten oder zumindest unseriöse Hinhaltetaktiken bei der Schadensregulierung zutraut. Anwalt Hennemann jedenfalls rät allen Betroffenen zu einem Umdenken. "Die alten Spielregeln zwischen Versicherern und gewerblichen und industriellen Kunden gelten nicht mehr", sagt er. Keinesfalls solle sich ein Unternehmen auf Verzögerungstaktiken einlassen, sondern seine Ansprüche sofort gerichtlich geltend machen.

Saarpor hat dies getan. Das Unternehmen hat nicht nur die Provinzial Rheinland, sondern auch gleich noch die acht anderen Versicherer verklagt, die unter Führung der Provinzial die Police einst unterschrieben hatten. Bislang hat sich keiner der Beklagten geregt. Schweigen auch hier.

Dabei hatte Saarpor noch Glück im Unglück. "Unser Unternehmen ist sehr liquide", sagt Geschäftsführer Ludger Ewers. "Deshalb konnten wir auch ohne die Entschädigung der Versicherung den Betrieb wieder aufbauen." Anfang Oktober wurden die neuen Maschinen geliefert. Inzwischen läuft die Produktion wieder normal. Andere Unternehmen, die über weniger Eigenmittel verfügen, stünden in einem ähnlichen Fall dagegen sehr schnell vor dem Aus. Der Betrieb wäre unwiederbringlich zerstört - mitsamt den Arbeitsplätzen.

Artikel erschienen am 2. Nov 2003