Wer in der Vergangenheit bei einem Online-Casino oder einem Sportwettenanbieter Geld verloren hat, kann dieses unter bestimmten Voraussetzungen vollständig zurückverlangen – doch die Zeit drängt. Das Oberlandesgericht Köln hat im Januar 2026 erneut bestätigt: Anbieter wie Tipico, die ohne deutsche Lizenz Online-Glücksspiele anbieten, sind verpflichtet, verlorene Einsätze vollständig zu erstatten. In dem konkreten Fall erhielt ein Spieler rund 25.600 Euro zurück. Gleichzeitig warnen Fachleute: Für Verluste aus dem Jahr 2016 laufen die Verjährungsfristen noch im Jahr 2026 aus. Wer jetzt nicht aktiv wird, könnte seinen Anspruch endgültig verlieren.
Dieser Beitrag zeigt, auf welcher rechtlichen Grundlage Spieler ihre Verluste zurückfordern können, welche Fristen zu beachten sind, wen das aktuelle Urteil des OLG Köln betrifft – und welche konkreten Schritte Betroffene jetzt ergreifen sollten.
OLG Köln, Urteil vom 16. Januar 2026: Tipico zur Rückzahlung von 25.600 Euro verpflichtet
Das Oberlandesgericht Köln hat die Verurteilung der Tipico Games Limited zur Rückzahlung von etwa 25.600 Euro an einen Spieler bestätigt. Der Kläger hatte zwischen Juni 2014 und Oktober 2020 über die deutschsprachige Plattform des Anbieters Online-Glücksspiele genutzt und dabei den entsprechenden Betrag verloren. Das Gericht bestätigte damit die Entscheidung des Landgerichts Aachen vollständig.
Die Begründung des OLG entspricht der inzwischen gefestigten Rechtsprechung der Oberlandesgerichte: Da Tipico Games Limited im maßgeblichen Zeitraum keine deutsche Erlaubnis zur Durchführung von Online-Glücksspielen besaß, waren die abgeschlossenen Verträge unwirksam. Der Spieler hat daher Anspruch auf vollständige Rückerstattung seiner Verluste.
Die rechtliche Grundlage hierfür liegt darin, dass illegale Glücksspielverträge nichtig sind.
Die rechtliche Grundlage: Unwirksamkeit illegaler Glücksspielverträge
Die Grundlage für Rückforderungsansprüche ergibt sich aus dem Glücksspielstaatsvertrag 2012 (GlüStV 2012), der Online-Glücksspiele in Deutschland grundsätzlich untersagte. Anbieter, die ohne behördliche Genehmigung entsprechende Angebote bereitstellten, verstießen gegen ein gesetzliches Verbot im Sinne von § 134 BGB. Die Konsequenz ist die Nichtigkeit des gesamten Vertragsverhältnisses.
Aus dieser Nichtigkeit folgt nach § 812 BGB (ungerechtfertigte Bereicherung) ein Anspruch des Spielers auf Rückzahlung der geleisteten Einsätze. Entscheidend ist dabei: Der Einwand, der Spieler habe von der möglichen Illegalität gewusst, greift nach der Rechtsprechung nicht. Die Gerichte stellen vielmehr auf den Schutzzweck der Norm ab – dieser soll den Spieler selbst schützen, unabhängig von dessen Kenntnis.
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat diese Sichtweise in seinem Hinweisbeschluss vom 22. März 2024 (Az. I ZR 88/23) für Sportwetten ausdrücklich bestätigt. In der Folge nahm der beklagte Anbieter seine Revision zurück und erkannte das Urteil an. Für Online-Casino-Anbieter gilt nach überwiegender Auffassung der Gerichte dasselbe.
Das Verjährungsproblem: Wann verjähren Ihre Ansprüche?
Für viele Betroffene stellt sich weniger die Frage, ob ein Anspruch besteht, sondern ob er noch durchsetzbar ist. Denn für ältere Verluste gelten Verjährungsfristen, die teilweise bereits im Jahr 2026 enden. Dabei sind zwei Fristen maßgeblich:
Die kenntnisabhängige Verjährungsfrist beträgt drei Jahre. Sie beginnt mit dem Ende des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Betroffene Kenntnis von den relevanten Umständen sowie der Person des Schuldners erlangt hat oder hätte erlangen müssen (§§ 195, 199 BGB). Da die Rechtslage für viele Spieler lange unklar war, ist der Beginn dieser Frist häufig umstritten.
Zusätzlich gilt eine kenntnisunabhängige Höchstfrist von zehn Jahren. Diese beginnt mit der Entstehung des Anspruchs, also im Jahr der jeweiligen Einzahlung bzw. des Verlustes, und läuft unabhängig von jeder Kenntnis. Wer beispielsweise 2016 Geld verloren hat, muss damit rechnen, dass die absolute Verjährungsfrist spätestens am 31. Dezember 2026 endet.
Konkret bedeutet dies: Verluste aus 2016 verjähren zum Jahresende 2026, Verluste aus 2017 entsprechend Ende 2027 usw. Betroffene sollten daher ihre Unterlagen zeitnah prüfen und keine Zeit verlieren.
§ 852 BGB – Restschadensersatz als Auffanglösung
Auch wenn die reguläre dreijährige Verjährungsfrist bereits verstrichen ist, können Spieler häufig noch Ansprüche aus § 852 BGB geltend machen. Diese Vorschrift besagt, dass jemand, der durch eine unerlaubte Handlung auf Kosten eines anderen etwas erlangt hat, diesen Vorteil auch nach Eintritt der Verjährung herausgeben muss.
Im Kontext des Online-Glücksspiels bedeutet das: Anbieter, die durch illegale Angebote Einsätze erhalten haben, müssen diese als Bereicherung zurückzahlen – und zwar bis zu zehn Jahre nach dem jeweiligen Verlust. Dieser sogenannte Restschadensersatz wurde von mehreren Gerichten anerkannt. Nach der Rechtsprechung des BGH gilt hierfür ebenfalls eine zehnjährige Verjährungsfrist.
Für Spieler, die die ursprüngliche Frist verpasst haben oder keine Kenntnis von der Rechtslage hatten, stellt § 852 BGB eine wichtige zweite Möglichkeit dar – allerdings nur, solange auch diese Frist noch nicht abgelaufen ist.
Wen betrifft das? Wer kann Ansprüche geltend machen?
Grundsätzlich kommen alle Personen in Betracht, die zwischen 2012 und dem Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrags am 1. Juli 2021 bei einem Online-Casino oder Sportwettenanbieter Geld verloren haben, der in diesem Zeitraum keine gültige deutsche Lizenz besaß. Das betrifft zahlreiche bekannte Anbieter, darunter Tipico Games Limited im Online-Casino-Bereich (für Zeiträume vor Oktober 2020) sowie viele weitere Plattformen.
Wichtig ist: Entscheidend sind die Nettoverluste – also die Differenz zwischen Einzahlungen und Auszahlungen. Bereits ausgezahlte Gewinne werden angerechnet. Für die Berechnung ist eine vollständige Transaktionshistorie hilfreich.
Erfolgsaussichten bestehen insbesondere dann, wenn die Einzahlungen nachvollziehbar dokumentiert sind, der Anbieter ohne Lizenz tätig war und die Verjährungsfristen noch nicht abgelaufen sind. Die Erfolgsquote vor den Landgerichten ist nach Erfahrungsberichten hoch und wird von den Oberlandesgerichten überwiegend bestätigt.
EuGH-Urteil am 16. April 2026: Bedeutung für Betroffene
Am 16. April 2026 wird der Europäische Gerichtshof (EuGH) sein Urteil in der Rechtssache C-440/23 verkünden. Dabei geht es um die Frage, ob das frühere deutsche Verbot von Online-Casino-Spielen mit der europäischen Dienstleistungsfreiheit vereinbar war. Die Entscheidung ist entscheidend dafür, ob sich Anbieter künftig auf europarechtliche Argumente berufen können.
Generalanwalt Emiliou hatte bereits am 19. März 2026 in der verwandten Rechtssache C-530/24 (Tipico – Sportwetten) seine Schlussanträge vorgelegt. Darin kam er zu dem Ergebnis, dass die Rückabwicklung illegaler Glücksspielverträge mit EU-Recht vereinbar ist. Auch wenn diese Einschätzung nicht bindend ist, folgen die Richter ihr häufig.
Das bevorstehende Urteil dürfte die Rechtslage weiter konkretisieren und die bestehenden Ansprüche zusätzlich stärken. Betroffene sollten dies zum Anlass nehmen, ihre Situation rechtlich prüfen zu lassen.
Schritt-für-Schritt-Anleitung für Betroffene
Wer in der Vergangenheit Verluste aus Online-Glücksspiel oder Sportwetten erlitten hat und noch keinen Anspruch geltend gemacht hat, sollte jetzt aktiv werden. Folgende Schritte sind empfehlenswert:
- Kontoauszüge und Transaktionsdaten beim Anbieter anfordern
- Nettoverluste berechnen (Einzahlungen minus Auszahlungen)
- Zeitraum der Spielaktivitäten dokumentieren
- Anwaltliche Beratung einholen und Verjährung prüfen lassen
Wichtig: Für Verluste aus dem Jahr 2016 endet die absolute Verjährungsfrist spätestens am 31. Dezember 2026.
Zu beachten ist außerdem: Die bloße Absicht, Klage zu erheben, hemmt die Verjährung nicht. Erst die tatsächliche Klageeinreichung oder ein Güteverfahren führt zu einer Hemmung. Eine frühzeitige Beauftragung eines spezialisierten Anwalts ist daher entscheidend.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
F: Kann ich Verluste aus 2017 noch zurückfordern?
A: Ja, grundsätzlich ist das noch möglich. Die zehnjährige Verjährungsfrist (§ 852 BGB) endet jedoch spätestens Ende 2027. Da die Vorbereitung Zeit benötigt, sollte frühzeitig gehandelt werden.
F: Betrifft das nur Online-Casinos oder auch Sportwetten?
A: Beide Bereiche sind erfasst. Auch Sportwettenanbieter ohne deutsche Lizenz (vor Oktober 2020) unterlagen dem Verbot. Der BGH hat dies 2024 ausdrücklich bestätigt.
F: Muss ich nachweisen, dass keine Lizenz vorlag?
A: Nein. Diese Prüfung erfolgt durch das Gericht bzw. den Anwalt. Bei bekannten Anbietern ist die fehlende Lizenzlage in der Regel dokumentiert.
F: Welche Auswirkungen hat das EuGH-Urteil auf laufende Verfahren?
A: Das Urteil wird klären, ob das deutsche Verbot mit EU-Recht vereinbar war. Nach bisherigen Einschätzungen ist zu erwarten, dass Rückforderungsansprüche bestätigt werden.
F: Was passiert, wenn ich nichts unternehme?
A: Verjährte Ansprüche sind endgültig verloren. Gerichte weisen entsprechende Klagen ohne inhaltliche Prüfung ab. Eine Hemmung der Verjährung tritt nur durch Klage oder Güteverfahren ein. Wer untätig bleibt, riskiert seinen gesamten Anspruch.