Bundesverwaltungsgericht
Beschl. v. 26.09.2003, Az.: BVerwG 2 WDB 3.03
Bedeutung der gesetzlichen Formulierungen in den Disziplinarordnungen über die Berufungsfrist; Einlegung der Berufung vor Zustellung des Urteils
Bibliographie
- Gericht
- BVerwG
- Datum
- 26.09.2003
- Aktenzeichen
- BVerwG 2 WDB 3.03
- Entscheidungsform
- Beschluss
- Referenz
- WKRS 2003, 27132
- Entscheidungsname
- [keine Angabe]
- ECLI
- [keine Angabe]
Verfahrensgang
- vorgehend
- NULL
Rechtsgrundlagen
- § 67 Abs. 1 Satz 1 BDO
- § 115 Abs. 1 S. 1 Wehrdisziplinarordnung
Fundstellen
- DÖV 2004, 299-300 (Volltext mit amtl. LS)
- NVwZ-RR 2004, 118 (amtl. Leitsatz)
- NZWehrR 2004, 128 (Volltext mit amtl. LS)
Amtlicher Leitsatz
Die Berufung kann nach § 115 Abs. 1 Satz 1 WDO auch schon vor Zustellung des verkündeten Urteils eingelegt werden.
Tatbestand
Der Vorsitzende einer Truppendienstkammer verwarf die Berufung eines Soldaten gegen ein verkündetes, aber noch nicht zugestelltes Urteil in einer Wehrdisziplinarsache als unzulässig, weil die Berufung verfrüht eingelegt worden sei: Im Zeitpunkt des Eingangs der Berufung hätten sich die schriftlichen Urteilsgründe noch im Geschäftsgang befunden und seien von ihm noch nicht unterschrieben worden. Auf die Beschwerde des Soldaten hob der Senat den Verwerfungsbeschluss auf.
Gründe
Der Vorsitzende der Truppendienstkammer hat die Berufung zu Unrecht als unzulässig verworfen. Seine Auffassung, eine Berufung könne vor dem in § 115 Abs. 1 Satz 1 WDO genannten Zeitpunkt (Zustellung des Urteils) wirksam nicht erhoben werden, verletzt Bundesrecht.
Wie die mit Disziplinarsachen befassten Senate des Bundesverwaltungsgerichts (und früher des Bundesdisziplinarhofs) in ständiger Rechtsprechung festgestellt haben, kommt den gesetzlichen Formulierungen in den Disziplinarordnungen über die Berufungsfrist (§ 67 Abs. 1 Satz 1 BDO i.d.F. vom 28. November 1957 , § 80 Abs. 1 Satz 1 BDO i.d.F. vom 20. Juli 1967 , § 91 Abs. 1 Satz 1 WDO i.d.F. vom 15. März 1957 , § 110 Abs. 1 Satz 1 WDO i.d.F. vom 4. September 1972 , § 115 Abs. 1 Satz 1 WDO i.d.F. vom 16. August 2001 ) nicht die Bedeutung zu, dass im Zeitraum zwischen Verkündung und Zustellung der Entscheidung eine Berufungseinlegung rechtlich noch nicht möglich wäre; vielmehr erschöpft sich der Zweck der Bestimmungen darin, den Endtermin, bis zu dem die Einlegung des Rechtsmittels zulässig ist, und seine Berechnung zu regeln (vgl. BDH, Urteile vom 13. Februar 1959 - 1 D 42.57 -, vom 9. Dezember 1964 - 1 WD 46.64 - und vom 26. Februar 1965 - 2 WD 177.64 - ; BVerwG, Urteile vom 26. Juni 1969 - BVerwG 2 WD 4.69 -, vom 10. Juli 1969 - BVerwG 2 WD 75.68 -, vom 12. Mai 1970 - BVerwG 2 WD 69.69 - und vom 17. Oktober 1979 - BVerwG 1 D 111.78 - und vom 2. April 1954 - 2 B 172.53 - sowie Meyer-Ladewig, in: Schoch/Schmidt-Aßmann/Pietzner, VwGO, Vorb. § 124 Rn. 34 ; BFH, Beschluss vom 6. August 1997 - BFH VIII R 51/97 - und Ruban, in Gräber, FGO, 5. Aufl. 2002, § 120 Rn. 28>; RG, Beschluss vom 5. Dezember 1925 - V B 29/25 - ; BGH, Urteile vom 18. September 1963 - V ZR 192/61 - und vom 24. Juni 1999 - I ZR 164/97 - sowie Grunsky, in: Stein/Jonas, ZPO, 21. Aufl. 1994, § 516 Rn. 16; BGH, Beschluss vom 16. Mai 1973 - 2 StR 497/72 - ; BayVerfGH, Entscheidung vom 29. März 1985 - Vf. 18-VI-85 - ; OVG NW, Beschlüsse vom 2. April 1981 - 7 B 430/81 - und vom 25. Juli 2000 - 1 A 2904/00.A - ).
Der Beschluss des Kammervorsitzenden konnte daher keinen Bestand haben.
Prof. Dr. Widmaier
Dr. Müller