Suche

Nutzen Sie die Schnellsuche, um nach den neuesten Urteilen in unserer Datenbank zu suchen!

Bundesverfassungsgericht
Beschl. v. 10.11.1998, Az.: 2 BvR 1057/91

Benachteiligungsverbot des Art. 6 Abs. 1 GG; Anknüpfung einer belastenden Differenzierung an Existenz einer Ehe oder Wahrnehmung des Elternrechts in ehelicher Erziehungsgemeinschaft; Betreuungsbedarf als notwendiger Bestandteil des familiären Existenzminimum; Einkommenssteuerliche Belastung des Betreuungsbedarfs; Neugestaltung des Kinderleistungsausgleichs; Berücksichtigung des Erziehungsbedarfs unabhängig vom Familienstand bei einen Kinderfreibetrag oder ein Kindergeld erhaltenden Eltern; Fassung des Tatbestandes des Familienexistenzminimums dergestalt, dass Angabe der personenbezogenen Daten wie Familienstand, Anzahl der Kinder und Alter Anwendung des Gesetzes möglich macht

Bibliographie

Gericht
BVerfG
Datum
10.11.1998
Aktenzeichen
2 BvR 1057/91
Entscheidungsform
Beschluss
Referenz
WKRS 1998, 17280
Entscheidungsname
[keine Angabe]
ECLI
[keine Angabe]

Fundstellen

  • BVerfGE 99, 216 - 246
  • AuR 1999, 61 (Pressemitteilung)
  • BB 1999, 660-665 (Urteilsbesprechung von Richter Dr. Bernd Heuermann)
  • BB 1999, 1681-1685 (Urteilsbesprechung von Richterin Dr. Susanne Tiedchen)
  • BB 1999, 11-19
  • BB (Beilage) 1999, 11*-19* (Volltext mit amtl. LS)
  • BB-Beilage 1999, 11*-19* (Volltext mit amtl. LS)
  • BGBl I 1999, 143-144
  • BStBl II 1999, 174-193 (Volltext mit amtl. LS)
  • DB 1999, 180-186
  • DStR 1999, 404-408 (Urteilsbesprechung von Michael Schwenke)
  • DStRE 1999, 99-107 (Volltext mit amtl. LS)
  • DStZ 1999, 226-229 (Volltext mit amtl. LS)
  • DVBl 1999, 387-389 (Volltext mit amtl. LS)
  • DVP 1999, 125-127
  • EuGRZ 1999, 73-81
  • FF 1999, 27
  • FR 1999, 150-158
  • FStBW 1999, 395-398
  • FStHe 1999, 699-702
  • FStNds 1999, 359-362
  • FamRZ 1999, 285-291 (Volltext mit amtl. LS)
  • FuR 1999, 112-123
  • GV/RP 1999, 492-495
  • JZ 1999, 723-726 (Volltext mit amtl. LS)
  • JuS 1999, XLIV Heft 4 (Kurzinformation)
  • KFR 1999, 81
  • KÖSDI 1999, 11850-11851 (Kurzinformation)
  • NJ 1999, 132-133 (Pressemitteilung)
  • NJW 1999, 557-561 (Volltext mit amtl. LS)
  • NJWE-FER 1999, 101
  • NWB DokSt 2000, 261
  • NWB DokSt 2000, 773
  • PayRoll 2003, 25
  • SteuerStud 1999, 125-127
  • Streit 1999, 169-180
  • UPR 1999, 233
  • WM 1999, 231-238 (Volltext mit amtl. LS)
  • WuB 1999, 379-380
  • ZBR 1999, 141
  • ZBR 1999, 178
  • ZfJ 1999, 447
  • ZfJ 1999, 118-122
  • ZfPR 1999, 58

Verfahrensgegenstand

Beschwerdeführerin zu 1.:
Verfassungsbeschwerde gegen
a) das Urteil des Bundesfinanzhofs vom 15. März 1991 - III R 97/89 -,
b) das Urteil des Finanzgerichts München vom 18. September 1989 - 13 K 13158/85 -,
c) den Bescheid des Finanzamts Augsburg-Land vom 4. Juni 1985,
mittelbar gegen § 33c EStG i.V.m. § 53b Abs. 1 und § 32 Abs. 3 und 4 EStG i.d.F. der Bekanntmachung vom 12. Juni 1985 (BGBl. I S. 977) - 2 BvR 1057/91 -

Beschwerdeführer zu 2.:
Verfassungsbeschwerde gegen
a) den Beschluss des Bundesfinanzhofs vom 14. Mai 1991 - III B 88/89 -,
b) das Urteil des Finanzgerichts München vom 15. Juni 1989 - X 188/87 E, X 209/87 E, 10 K 2652/88, 10 K 2651/88, 10 K 3078/88, 10 K 3353/88, 10 K 844/88 und 10 K 845/88 -, mittelbar gegen § 33c EStG i.V.m. § 52 Abs. 23b und § 32 Abs. 3 und 4 EStG i.d.F. der Bekanntmachung vom 12. Juni 1985 (BGBl. I S. 977) sowie § 33c und § 32 Abs. 7 EStG i.d.F. der Bekanntmachung vom 15. April 1986 (BGBl. I S. 441) - 2 BvR 1226/91 -

Beschwerdeführer zu 3.:
Verfassungsbeschwerde gegen
a) den Beschluss des Bundesfinanzhofs vom 22. März 1991 - III B 517/90 -,
b) das Urteil des Finanzgerichts Münster vom 30. Mai 1990 - II 5109/88 E -,
mittelbar gegen § 33c und § 32 Abs. 7 EStG i.d.F. der Bekanntmachung vom 15. April 1986 (BGBl. I S. 441) - 2 BvR 980/91 -

Prozessführer

1. Frau B...

Bevollmächtigter zu 1.: Rechtsanwalt Dr. Gerhard Knaus, Bahnhofstraße 57, Kempten

2. a) Frau L...
b) Herr B... - L...

Bevollmächtigte zu 2.: a): Rechtsanwälte Michael Böhlk-Lankes und Kollegen, Elsenheimer Straße 43, München

3. a) Frau Dr. U...
b) Herr Dr. U...

Bevollmächtigte zu 3.: Rechtsanwälte Bernd Meisterernst und Kollegen, Geiststraße 2, Münster

Amtlicher Leitsatz

  1. 1.

    Art. 6 Abs. 1 GG enthält einen besonderen Gleichheitssatz. Er verbietet, Ehe und Familie gegenüber anderen Lebens- und Erziehungsgemeinschaften schlechter zu stellen. Dieses Benachteiligungsverbot steht jeder belastenden Differenzierung entgegen, die an die Existenz einer Ehe (Art. 6 Abs. 1 GG) oder die Wahrnehmung des Elternrechts in ehelicher Erziehungsgemeinschaft (Art. 6 Abs. 1 und 2 GG) anknüpft.

  2. 2.

    Die Leistungsfähigkeit von Eltern wird, über den existenziellen Sachbedarf und den erwerbsbedingten Betreuungsbedarf des Kindes hinaus, generell durch den Betreuungsbedarf gemindert. Der Betreuungsbedarf muss als notwendiger Bestandteil des familiären Existenzminimums (vgl. BVerfGE 82, 60 <85>;  87, 153 <169 ff.>) einkommensteuerlich unbelastet bleiben, ohne dass danach unterschieden werden dürfte, in welcher Weise dieser Bedarf gedeckt wird.

  3. 3.
    1. a)

      Der Gesetzgeber muss bei der gebotenen Neugestaltung des Kinderleistungsausgleichs auch den Erziehungsbedarf des Kindes unabhängig vom Familienstand bei allen Eltern, die einen Kinderfreibetrag oder ein Kindergeld erhalten, berücksichtigen.

    2. b)

      Soweit das Familienexistenzminimum sich nach personenbezogenen Daten wie Familienstand, Anzahl der Kinder und Alter bestimmt, muss - nach dem rechtsstaatlichen Gebot der Voraussehbarkeit und Berechenbarkeit - dieser Tatbestand so gefasst werden, dass die bloße Angabe dieser Daten die Anwendung des Gesetzes möglich macht.

In den Verfahren
über die Verfassungsbeschwerden
hat das Bundesverfassungsgericht - Zweiter Senat - am 10. November 1998 unter Mitwirkung
der Richterinnen und Richter Präsidentin Limbach, Kirchhof, Winter, Sommer, Jentsch, Hassemer, Bross, Osterloh
beschlossen

Tenor:

  1. 1.

    § 33c Absätze 1 bis 4 des Einkommensteuergesetzes ist seit seiner Einführung durch Artikel 3 Nummer 19 des Steuerbereinigungsgesetzes 1985 vom 14. Dezember 1984 (Bundesgesetzbl. I Seite 1493) einschließlich aller nachfolgenden Fassungen mit Artikel 6 Absatz 1 und Absatz 2 des Grundgesetzes unvereinbar, soweit er die in ehelicher Gemeinschaft lebenden, unbeschränkt steuerpflichtigen Eltern vom Abzug der Kinderbetreuungskosten wegen Erwerbstätigkeit ausschließt.

  2. 2.

    § 32 Absatz 3 und Absatz 4 des Einkommensteuergesetzes seit der Fassung der Bekanntmachung der Neufassung des Einkommensteuergesetzes vom 24. Januar 1984 (Bundesgesetzbl. I Seite 113) bis zur Änderung durch Artikel 1 Nummer 8 des Gesetzes zur leistungsfördernden Steuersenkung und zur Entlastung der Familie (Steuersenkungsgesetz 1986/1988) vom 26. Juni 1985 (Bundesgesetzbl. I Seite 1153) sowie § 32 Absatz 7 des Einkommensteuergesetzes seit der Fassung der Bekanntmachung der Neufassung des Einkommensteuergesetzes vom 15. April 1986 (Bundesgesetzbl. I Seite 441), einschließlich aller nachfolgenden Fassungen, sind mit Artikel 6 Absatz 1 und Absatz 2 des Grundgesetzes unvereinbar, soweit sie die in ehelicher Gemeinschaft lebenden, unbeschränkt steuerpflichtigen Eltern von der Gewährung des Haushaltsfreibetrags ausschließen.

  3. 3.

    Die Urteile des Finanzgerichts München vom 18. September 1989 - 13 K 13158/85 -, vom 15. Juni 1989 - X 188/87 E, X 209/87 E, 10 K 2652/88, 10 K 2651/88, 10 K 3078/88, 10 K 3353/88, 10 K 844/88 und 10 K 845/88 - und das Urteil des Finanzgerichts Münster vom 30. Mai 1990 - II 5109/88 E - sowie das Urteil des Bundesfinanzhofs vom 15. März 1991 - III R 97/89 - und die Beschlüsse des Bundesfinanzhofs vom 14. Mai 1991 - III B 88/89 - und vom 22. März 1991 - III B 517/90 - verletzen die Beschwerdeführer in ihrem Grundrecht aus Artikel 6 Absatz 1 und Absatz 2 des Grundgesetzes, soweit sie die Beschwerdeführer von der Anwendung der unter 1. und 2. mit dem Grundgesetz für unvereinbar erklärten Vorschriften ausschließen. Die Entscheidungen des Bundesfinanzhofs werden aufgehoben und die Verfahren an den Bundesfinanzhof zurückverwiesen.

  4. 4.

    Die Verfassungsbeschwerden zu 2. und 3. werden im Übrigen nicht zur Entscheidung angenommen.

  5. 5.

    Der Gesetzgeber ist verpflichtet, spätestens mit Wirkung zum 1. Januar 2000 eine Neuregelung hinsichtlich der unter 1. und spätestens mit Wirkung zum 1. Januar 2002 hinsichtlich der unter 2. für verfassungswidrig erklärten Vorschriften zu treffen. Bis zu diesem Zeitpunkt bleiben die bisherigen Regelungen weiter anwendbar.

    Soweit mit Wirkung zum 1. Januar 2000 noch keine Neuregelung in Kraft getreten ist, gilt § 33c des Einkommensteuergesetzes mit der Maßgabe weiter, dass ab diesem Zeitpunkt Kinderbetreuungskosten in Höhe der in § 33c Absatz 3 des Einkommensteuergesetzes genannten Beträge - unabhängig von einer Erwerbstätigkeit und von konkreten Aufwendungen - bei der Ermittlung des zu versteuernden Einkommens bei allen Eltern, denen Kinderfreibeträge oder Kindergeld für das Kind zustehen, vom Einkommen im Sinne des § 2 Absatz 4 des Einkommensteuergesetzes abgezogen werden.

  6. 6.

    Die Bundesrepublik Deutschland hat den Beschwerdeführern die notwendigen Auslagen der Verfassungsbeschwerdeverfahren zu erstatten.

Hinweis: Verbundenes Verfahren

Volltext siehe unter:
BVerfG vom 10.11.1998 - AZ: 2 BvR 980/91

Weitere Verbundverfahren:
BVerfG vom 10.11.1998 - AZ: 2 BvR 1226/91