Bundesverfassungsgericht
Urt. v. 07.05.1998, Az.: 2 BvR 2004/95
Verfassungsbeschwerde betreffend der verfassungsrechtlichen Zulässigkeit einer kommunalen Verpackungsteuer mit Lenkungswirkungen in den vom Bundesgesetzgeber geregelten Bereich der Abfallwirtschaft ; Zulässigkeit eines Weiterverfolgens einer Verfassungsbeschwerde nach Löschung der Beschwerdeführerin im Handelsregister ; Vereinbarkeit einer kommunalen Satzung über die Erhebung einer Verpackungsteuer mit der bundesstaatlichen Ordnung der Gesetzgebungskompetenzen in Verbindung mit dem Rechtsstaatsprinzip ; Wirkungen der Verpackungsteuer auf die Art und Weise der Berufsausübung ; Zulässigkeit einer Regelung der Berufsfreiheit durch Satzung; Einordnung einer Lenkungsabgabe als Steuer ; Recht des Bundesgesetzgebers zur umfassenden Regelung des Rechts der Abfallwirtschaft ; Folgen einer Entfaltung von Lenkungswirkungen in einem nicht steuerlichen Kompetenzbereich durch eine steuerrechtliche Regelung ; Ausübung der Steuergesetzgebungskompetenz zur Lenkung in einem anderweitig geregelten Sachbereich ; Notwendigkeit einer zur Steuergesetzgebungskompetenz hinzutretenden Sachkompetenz ; Voraussetzungen für ein Übergreifen des Gesetzgebers auf Grund einer Steuerkompetenz in den Kompetenzbereich eines Sachgesetzgebers ; Auswirkungen eines Widerspruchs zwischen dem vom Steuergesetzgeber getroffenen Regelungen mit den vom zuständigen Sachgesetzgeber getroffenen Regelungen ; Verpackungsteuer als örtlicher Verbrauchsteuer
Bibliographie
- Gericht
- BVerfG
- Datum
- 07.05.1998
- Aktenzeichen
- 2 BvR 2004/95
- Entscheidungsform
- Urteil
- Referenz
- WKRS 1998, 29641
- Entscheidungsname
- [keine Angabe]
- ECLI
- [keine Angabe]
Rechtsgrundlagen
Fundstellen
- BVerfGE 98, 106 - 134
- DStR 1998, 892 (amtl. Leitsatz)
- DStRE 1998, 405-413 (Volltext mit amtl. LS)
- DVBl 1998, 705-709 (Volltext mit amtl. LS)
- EWiR 1998, 653 (Volltext mit amtl. LS u. Anm.)
- HFR 1998, 578-584
- JZ 1999, 34-37 (Volltext mit amtl. LS)
- JuS 1998, 1054-1056 (Volltext mit amtl. LS)
- NVwZ 2002, 33-37 (Urteilsbesprechung von Dr. Christoph Brüning)
- NVwZ 1998, 940-942 (Pressemitteilung)
- NVwZ 1998, 947 (amtl. Leitsatz)
- UPR 1998, 260-265
- WM 1998, 1144-1148
- WM 1999, 1144-1148 (Volltext mit red./amtl. LS)
- ZIP 1998, A45 (Kurzinformation)
Verfahrensgegenstand
Verfahren über die Verfassungsbeschwerden gegen
1a) das Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs vom 29. Juni 1995 - 5 N 1202/92
-,
1b) mittelbar gegen die Satzung der Stadt Kassel über die Erhebung einer Verpackungsteuer in Kassel vom 16. Dezember 1991 und
Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung
- 2 BvR 1991/95 -,
2a) das Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs vom 29. Juni 1995 - 5 N 1202/92
-,
2b) mittelbar gegen die Satzung der Stadt Kassel über die Erhebung einer Verpackungsteuer in Kassel vom 16. Dezember 1991
- 2 BvR 2004/95 -
Prozessführer
1. a) Firma G... GmbH & Co.,
b) Firma P...
2. a) Firma B... GmbH & Co. KG,
b) Firma L... & Co. GmbH & Co. KG
Prof. Dr. Rupert Scholz, Koenigsallee 71a, Berlin
Prof. Dr. Karl Heinrich Friauf, Eichenhainallee 17, Bergisch Gladbach
Amtlicher Leitsatz
- 1.
Dem Bundesgesetzgeber ist durch Art. 74 Abs. 1 Nr. 24 GG eine Zuständigkeit zur umfassenden Regelung des Rechts der Abfallwirtschaft eingeräumt.
- 2.
Eine steuerrechtliche Regelung, die Lenkungswirkungen in einem nicht steuerlichen Kompetenzbereich entfaltet, setzt keine zur Steuergesetzgebungskompetenz hinzutretende Sachkompetenz voraus.
- 3.
Der Gesetzgeber darf aufgrund einer Steuerkompetenz nur insoweit lenkend in den Kompetenzbereich eines Sachgesetzgebers übergreifen, als die Lenkung weder der Gesamtkonzeption der sachlichen Regelung noch konkreten Einzelregelungen zuwiderläuft.
In den Verfahren über die Verfassungsbeschwerden
hat das Bundesverfassungsgericht - Zweiter Senat -
unter Mitwirkung
der Richterinnen und Richter Präsidentin Limbach, Graßhof, Kruis, Kirchhof, Winter, Sommer, Jentsch, Hassemer
aufgrund der mündlichen Verhandlung vom 16. Dezember 1997 durch Urteil
für Recht erkannt:
Tenor:
- 1.
Die Satzung der Stadt Kassel über die Erhebung einer Verpackungsteuer in Kassel vom 16. Dezember 1991 (Amtliche Bekanntmachungen der Stadt Kassel, in: Hessische/Niedersäch-sische Allgemeine, Stadtausgabe Kassel Nr. 300 vom 28. Dezember 1991, Seite 18) ist mit Artikel 12 Absatz 1 in Verbindung mit Artikel 74 Absatz 1 Nummer 24, Artikel 105 Absatz 2a und dem Rechtsstaatsprinzip des Grundgesetzes unvereinbar und nichtig.
- 2.
Das Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs vom 29. Juni 1995 - 5 N 1202/92 - verletzt das Grundrecht der Beschwerdefüh-rerinnen aus Artikel 12 Absatz 1 in Verbindung mit Artikel 74 Absatz 1 Nummer 24, Artikel 105 Absatz 2a und dem Rechtsstaatsprinzip des Grundgesetzes. Diese Entscheidung wird aufgehoben und das Verfahren an den Hessischen Verwaltungsgerichtshof zurückverwiesen.
- 3.
Damit erledigt sich der Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Anordnung der Beschwerdeführerinnen zu 1.
- 4.
Das Land Hessen hat den Beschwerdeführerinnen die notwendigen Auslagen für die Verfassungsbeschwerdeverfahren zu erstatten.
Hinweis: Verbundenes Verfahren
Volltext siehe unter:
BVerfG - 07.05.1998 - AZ: 2 BvR 1991/95
Graßhof
Kruis
Kirchhof
Winter
Sommer
Jentsch
Hassemer