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Bundesverfassungsgericht
Beschl. v. 17.07.2003, Az.: 2 BvL 1/01

Entscheidungserheblichkeit einer vorgelegten Norm im Normenkontrollverfahren; Vorlage bereits außer Kraft getretenen Rechts im Rahmen eines Normenkontrollverfahrens; Besonderer Sachzweck einer Altenpflegeumlage; Regelmäßige Überprüfung des Fortbestehens eines Sachzweckes bei Sonderabgaben; Umlage als Steuer

Bibliographie

Gericht
BVerfG
Datum
17.07.2003
Aktenzeichen
2 BvL 1/01
Entscheidungsform
Beschluss
Referenz
WKRS 2003, 14721
Entscheidungsname
[keine Angabe]
ECLI
[keine Angabe]

Verfahrensgang

vorgehend
VG Lüneburg - 10.03.1999 - AZ: 5 A 21/98
VG Gelsenkirchen - 28.04.1999 - AZ: 7 K 7478/97
VG Gelsenkirchen - 26.03.2003 - AZ: 7 K 160/98
VG Gelsenkirchen - 26.03.2003 - AZ: 7 K 5396/98
VG Gelsenkirchen - 26.03.2003 - AZ: 7 K 6380/98
VG Düsseldorf - 01.06.1999 - AZ: 3 K 9998/97
VG Düsseldorf - 27.06.2000 - AZ: 3 K 9998/97
VG Koblenz - 24.08.1999 - AZ: 5 K 2748/98.KO
VG Koblenz - 07.12.1999 - AZ: 5 K 82/99.KO
VG Weimar - 20.12.2000 - AZ: 8 K 2840/98.We

Fundstelle

  • BVerfGE 108, 186 - 238

Verfahrensgegenstand

Verfassungsrechtliche Prüfung,
ob §§ 8 und 9 des niedersächsischen Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 20. Juni 1996 (Nds. GVBl S. 276) wegen Verstoßes gegen Art. 2 Abs. 1 GG und Art. 3 Abs. 1 GG verfassungswidrig und nichtig sind,
- Aussetzungs- und Vorlagebeschluss des Verwaltungsgerichts Lüneburg vom 10. März 1999 (5 A 21/98) -
- 2 BvL 1/99 -
ob § 7 Abs. 3 Satz 1 und Absätze 4 bis 6 des nordrhein-westfälischen Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 19. Juni 1994 (GV.NW S. 335) in der Fassung des Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 5. März 1997 (GV.NW S. 28) mit Art. 2 Abs. 1 GG, Art. 3 Abs. 1 GG und Art. 20 Abs. 3 GG unvereinbar und damit verfassungswidrig ist,
- Aussetzungs- und Vorlagebeschluss des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen vom 28. April 1999 und Beschlüsse vom 26. März 2003 (7 K 7478/97, 7 K 160/98, 7 K 5396/98, 7 K 6380/98) -
- 2 BvL 4/99 -
ob § 7 Abs. 3 bis 6 des nordrhein-westfälischen Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 19. Juni 1994 (GV.NW S. 335) in der Fassung des Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 5. März 1997 (GV.NW S. 28) mit Art. 20 Abs. 3 GG und Art. 104a bis 108 GG vereinbar ist, soweit ambulante Pflegeeinrichtungen im Sinne von § 7 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 AltPflG zur Zahlung verpflichtet sind,
- Aussetzungs- und Vorlagebeschluss des Verwaltungsgerichts Düsseldorf vom 1. Juni 1999 (3 K 9998/97) und Beschluss vom 27. Juni 2000 (3 K 9998/97) -
- 2 BvL 6/99 -
ob § 4 des rheinland-pfälzischen Landesgesetzes über die Ausbildungsvergütung in der Altenpflege vom 3. Juni 1997 (GVBl S. 143) mit Art. 2 Abs. 1 GG und Art. 20 Abs. 3 GG vereinbar ist,
- Aussetzungs- und Vorlagebeschluss des Verwaltungsgerichts Koblenz vom 24. August 1999 (5 K 2748/98.KO) -
- 2 BvL 16/99 -
ob § 4 des rheinland-pfälzischen Landesgesetzes über die Ausbildungsvergütung in der Altenpflege vom 3. Juni 1997 (GVBl S. 143) mit Art. 2 Abs. 1 GG und Art. 20 Abs. 3 GG vereinbar ist,
- Aussetzungs- und Vorlagebeschluss des Verwaltungsgerichts Koblenz vom 7. Dezember 1999 (5 K 82/99.KO) -
- 2 BvL 18/99 -
ob § 25 Abs. 2 des Thüringer Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 16. August 1993 (GVBl S. 490) mit Art. 2 Abs. 1 GG, Art. 3 Abs. 1 GG und Art. 20 Abs. 3 GG unvereinbar und damit verfassungswidrig ist,
- Aussetzungs- und Vorlagebeschluss des Verwaltungsgerichts Weimar vom 20. Dezember 2000 (8 K 2840/98.We)
- 2 BvL 1/01 -

Redaktioneller Leitsatz

  1. 1.

    Bei einer Normenkontrolle muss die Entscheidungserheblichkeit der vorgelegten Norm nicht nur zur Zeit der Aussetzung des Verfahrens gegeben sein, sondern auch noch im Zeitpunkt der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts fortbestehen. Zum Zeitpunkt der verfassungsgerichtlichen Entscheidung außer Kraft getretenes Recht kann aber zulässiger Gegenstand einer Vorlage in einem Normenkontrollverfahren sein, solange es für die Entscheidung im Ausgangsverfahren entscheidungserheblich bleibt.

  2. 2.

    § 7 Abs. 3 Satz 1 und Abs. 4 bis 6 NW AltPflG, § 4 Abs. 1 bis 3 Rh.-Pf. AltPflAusbVergG, §§ 8 und 9 Nds. APBG und § 25 Abs. 2 ThürAltPflG sind mit dem Grundgesetz vereinbar. Die Gesetzgebungskompetenz der Länder folgt dabei aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 7 GG in Verbindung mit Art. 72 Abs. 1 GG.

  3. 3.

    Nach ihrem tatbestandlich bestimmten materiellen Gehalt ist eine Altenpflegeumlage keine Steuer. Anders als Abgaben, die unter den herkömmlichen Steuerbegriff fallen, dienen die Altenpflegeumlagen nicht der Erzielung von Einnahmen für den allgemeinen Finanzbedarf eines Gemeinwesens. Der Gesetzgeber darf sich der Abgabe nur im Rahmen der Verfolgung eines Sachzwecks bedienen, der über die bloße Mittelbeschaffung hinausgeht. Mit einer Sonderabgabe darf nur eine homogene Gruppe belegt werden, die in einer spezifischen Beziehung zu dem mit der Abgabenerhebung verfolgten Zweck steht.

  4. 4.

    Soll eine Aufgabe auf längere Zeit durch Erhebung einer Sonderabgabe finanziert werden, so ist der Gesetzgeber gehalten, in angemessenen Zeitabständen zu überprüfen, ob seine ursprüngliche Entscheidung für den Einsatz des Mittels "Sonderabgabe" aufrechtzuerhalten oder ob sie wegen veränderter Umstände, vor allem wegen Wegfalls des Finanzierungszwecks oder Zielerreichung, zu ändern oder aufzuheben ist.

In den Verfahren
hat das Bundesverfassungsgericht - Zweiter Senat - unter Mitwirkung
der Richterinnen und Richter Vizepräsident Hassemer, Sommer, Jentsch, Broß, Osterloh, Di Fabio, Mellinghoff, Lübbe-Wolff
am 17. Juli 2003 beschlossen:

Tenor:

  1. 1.

    Die Verfahren werden zur gemeinsamen Entscheidung verbunden.

  2. 2.

    § 7 Absatz 3 Satz 1 und Absätze 4 bis 6 des nordrhein-westfälischen Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 19. Juni 1994 (GV.NW S. 335) in der Fassung des Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 5. März 1997 (GV.NW S. 28),

    § 4 Absätze 1 bis 3 des rheinland-pfälzischen Landesgesetzes über Ausbildungsvergütungen in der Altenpflege vom 3. Juni 1997 (GVBl S. 143) sowie

    §§ 8 und 9 des niedersächsischen Gesetzes

    über die Berufe in der Altenpflege vom 20. Juni 1996 (Nds. GVBl S. 276) sind mit dem Grundgesetz vereinbar.

    § 25 Abs. 2 des Thüringer Gesetzes über die Berufe in der Altenpflege vom 16. August 1993 (GVBl S. 490) war mit dem Grundgesetz vereinbar.

Hinweis: Verbundenes Verfahren

Volltext siehe unter:
BVerfG - 17.07.2003 - AZ: 2 BvL 1/99

Weitere Verbundverfahren:
BVerfG - 17.07.2003 - AZ: 2 BvL 4/99
BVerfG - 17.07.2003 - AZ: 2 BvL 6/99
BVerfG - 17.07.2003 - AZ: 2 BvL 16/99
BVerfG - 17.07.2003 - AZ: 2 BvL 18/99