Stablecoins im Kryptobetrug: Warum Täter USDT und eigene Token nutzen

22.07.2026 6 Aufrufe Autor: Anna O. Orlowa, LL.M.
Organisierte Netzwerke wickeln Kryptobetrug zunehmend über Stablecoins wie USDT ab. Was das für Spurensicherung und Rückholung bedeutet.

Wer heute Opfer eines Anlagebetrugs, eines Fake-Brokers oder eines sogenannten Pig-Butchering-Betrugs wird, stellt oft dieselbe Frage: Warum läuft plötzlich alles über USDT? Warum keine Banküberweisung mehr, warum ständig neue Wallets? Die Antwort hat weniger mit Technik als mit dem Geschäftsmodell organisierter Betrugsnetzwerke zu tun. Dieser Beitrag erklärt, warum Täter Stablecoins bevorzugen, was aktuelle Erkenntnisse der Financial Action Task Force (FATF) dazu belegen und welche Folgen die Wahl des Zahlungsmittels für die spätere Nachverfolgung und mögliche Rückholung von Geldern hat.

Warum verlangen Betrüger kaum noch Bitcoin?

Betrüger bevorzugen Stablecoins, weil ihr Wert an eine Währung wie den US-Dollar gekoppelt ist und damit nicht schwankt. Bitcoin kann innerhalb von Stunden zweistellig an Wert verlieren oder gewinnen. Für ein Netzwerk, das große Summen über viele Konten und Grenzen bewegt, ist das ein praktisches Problem: Der Betrag, den ein Opfer einzahlt, soll bis zur Weiterleitung und Auszahlung möglichst denselben Wert behalten. Ein an den Dollar gebundener Token wie USDT (Tether) oder USDC (Circle) verhält sich dabei für die Täter kalkulierbarer als eine volatile Kryptowährung.

Hinzu kommt die Geschwindigkeit. Stablecoins lassen sich rund um die Uhr, ohne Bankarbeitszeiten und ohne die Prüfmechanismen des klassischen Zahlungsverkehrs, weltweit transferieren. Für Opfer bedeutet das: Zwischen der eigenen Zahlung und der Weiterverteilung des Geldes liegen häufig nur Minuten.

Warum sind Stablecoins für kriminelle Netzwerke so attraktiv?

Die Eigenschaften, die Stablecoins für den legitimen Zahlungsverkehr interessant machen, sind zugleich die Gründe für ihren Missbrauch. Ausschlaggebend sind vor allem vier Punkte:

Wertstabilität: Der an eine Währung gekoppelte Kurs macht Beträge planbar und erleichtert die Aufteilung und Weiterleitung großer Summen.

Schnelligkeit und Grenzüberschreitung: Transfers erfolgen international in kurzer Zeit, unabhängig von Banklaufzeiten.

Liquidität und Umtauschbarkeit: Stablecoins lassen sich an vielen Handelsplätzen problemlos in andere Kryptowerte oder in Fiatgeld tauschen.

Nutzung außerhalb regulierter Vermittler: Über sogenannte unhosted Wallets, die nicht von einem Dienstleister verwaltet werden, und über direkte Transaktionen zwischen Nutzern lassen sich Kontrollmechanismen teilweise umgehen.

Nach den Erkenntnissen der FATF ist diese Kombination der Grund, warum Stablecoins inzwischen den größten Teil der auf der Blockchain erkennbaren illegalen Zahlungsströme ausmachen. In ihrem im März 2026 veröffentlichten Targeted Report on Stablecoins and Unhosted Wallets hält die FATF fest, dass gerade Transaktionen zwischen einzelnen Wallets ohne zwischengeschalteten Dienstleister ein erhöhtes Risiko darstellen, weil sie außerhalb der üblichen Kontrollen ablaufen können.

Was hat die FATF zu Stablecoins und organisierter Kriminalität festgestellt?

Die FATF ist die zwischenstaatliche Organisation, die weltweite Standards gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung setzt. In ihrem siebten Jahresbericht zu virtuellen Vermögenswerten vom 16. Juli 2026 beschreibt sie, dass organisierte Kriminalität weiterhin Milliardenbeträge über den Kryptomarkt bewegt und der Missbrauch von Stablecoins im vergangenen Jahr zugenommen hat.

Bemerkenswert ist eine Entwicklung, die die FATF ausdrücklich benennt: Einzelne kriminelle Netzwerke gehen dazu über, eigene Stablecoins zu entwickeln, die dem Einfrieren oder der Beschlagnahme durch Behörden widerstehen sollen. Das kehrt eine bisherige Schwachstelle der Täter um: Zentrale Herausgeber etablierter Stablecoins konnten Guthaben auf behördliche Anfrage sperren und haben dies in der Vergangenheit auch getan. Ein Token ohne kooperierenden Herausgeber entzieht den Behörden dieses Werkzeug.

Diese Beobachtung ist für Betroffene wichtig, weil sie erklärt, warum sich die Erfolgsaussichten einer Sicherung je nach eingesetztem Token stark unterscheiden können. Sie ist zugleich ein Hinweis darauf, dass pauschale Aussagen über die Rückholbarkeit von Kryptogeldern mit Vorsicht zu behandeln sind.

Welche Rolle spielen Stablecoins beim Pig-Butchering?

Beim Pig-Butchering bauen Täter über Wochen oder Monate eine persönliche oder scheinbar seriöse Anlagebeziehung auf, bevor sie das Opfer zu immer höheren Einzahlungen bewegen. In vielen dieser Fälle werden Zahlungen früher oder später auf Stablecoins umgelenkt. Der Ablauf folgt häufig einem erkennbaren Muster: Zunächst wird über eine reguläre Zahlung oder eine kleine Krypto-Überweisung Vertrauen aufgebaut, danach wird das Opfer angeleitet, größere Beträge in Stablecoins auf angeblich eigene, tatsächlich aber von den Tätern kontrollierte Wallets zu übertragen.

In der anwaltlichen Praxis zeigt sich bei der Auswertung solcher Fälle regelmäßig, dass die eingezahlten Stablecoins nicht auf einem einzelnen Konto verbleiben, sondern über mehrere Wallets verteilt und anschließend an Handelsplätzen oder über außerbörsliche Vermittler in andere Werte oder in Fiatgeld getauscht werden. Genau dieses Verteilen über viele Stationen ist der Grund, warum Betroffene ständig neue Wallet-Adressen sehen. Auch die FATF beschreibt diese mehrstufigen Verschleierungsketten als typisches Vorgehen, um die Herkunft der Gelder zu verschleiern. Wer die Grundlagen einer solchen Spurensicherung nachvollziehen möchte, findet sie in unserer Darstellung zum forensischen Blockchain-Tracing.

Kann man Stablecoins wie USDT trotzdem verfolgen?

Auch Stablecoin-Transaktionen hinterlassen nachvollziehbare Spuren auf der Blockchain. Anders als oft angenommen sind Stablecoins nicht anonym. Jede Transaktion ist öffentlich einsehbar und lässt sich grundsätzlich von Wallet zu Wallet nachzeichnen. Der entscheidende Punkt ist nicht die Sichtbarkeit der Bewegung, sondern die Frage, wer hinter einer Adresse steht und ob sich der Zahlungsweg an einer regulierten Stelle konkretisieren lässt.

Dabei bietet nicht jeder Stablecoin dieselben Möglichkeiten für ein Tracing oder eine Sicherung. Zentral herausgegebene Stablecoins wie USDT oder USDC können, abhängig vom Einzelfall, nachvollzogen und unter bestimmten Voraussetzungen eingefroren werden. Dagegen können eigens von kriminellen Netzwerken entwickelte oder kontrollierte Token deutlich schwerer zugänglich sein. Auch in diesen Fällen bleiben jedoch häufig Ansatzpunkte über Wallet-Analysen, Kontakte zu Handelsplätzen und die Rekonstruktion der Zahlungsströme bestehen.

Entscheidend ist der Moment, in dem Gelder eine zentrale, regulierte Kryptobörse berühren. Dort greifen Identifizierungspflichten, und dort lassen sich unter bestimmten Voraussetzungen Auskunfts- oder Sicherungsmaßnahmen ansetzen. Die reine Sichtbarkeit einer Transaktion auf der Blockchain sagt daher noch nichts darüber aus, ob im konkreten Fall eine Rückholung realistisch ist.

Wann bestehen realistische Chancen auf eine Rückholung?

Ob eine Rückholung in Betracht kommt, hängt vom Einzelfall ab und lässt sich nicht pauschal beantworten. Als günstig erweisen sich in der Praxis Konstellationen, in denen die Zahlung noch nicht lange zurückliegt, in denen vollständige Belege zu Zahlungswegen und Wallet-Adressen vorliegen und in denen sich die Spur zu einer regulierten Stelle verfolgen lässt. Umgekehrt sinken die Aussichten, wenn Gelder bereits über mehrere Stationen und außerbörsliche Vermittler verteilt oder in schwer zugängliche Token umgeschichtet wurden. Welche Ansätze im Einzelfall tragfähig sind, ist Gegenstand einer strukturierten Asset-Recovery-Prüfung.

Neben der Spur auf der Blockchain kann auch der Weg des Geldes vor der Umwandlung in Krypto von Bedeutung sein. Wurde zunächst per Banküberweisung oder Karte an einen Zahlungsdienstleister gezahlt, stellt sich die Frage nach möglichen Ansprüchen im Zusammenhang mit Banken und Zahlungsdienstleistern. Häufig führt erst die Zusammenschau von Blockchain-Spur und klassischem Zahlungsweg zu einem belastbaren Bild.

Was sollten Betroffene jetzt tun?

Wer den Verdacht hat, Opfer eines Betrugs mit Stablecoins geworden zu sein, sollte zunächst keine weiteren Zahlungen leisten. Insbesondere Forderungen nach einer zusätzlichen Zahlung, bevor angeblich eine Auszahlung erfolgen kann, sind ein bekanntes Muster und sollten nicht ungeprüft erfüllt werden.

Wichtig ist die vollständige Sicherung der Unterlagen: die gesamte Kommunikation, Zahlungsbelege, die verwendeten Wallet-Adressen und, soweit vorhanden, die Transaktions-Hashes der einzelnen Überweisungen. Diese Angaben sind die Grundlage jeder späteren Auswertung. Je vollständiger und je früher sie gesichert werden, desto eher lässt sich der Zahlungsweg rekonstruieren und desto genauer lässt sich beurteilen, welche Beteiligten identifizierbar sind und welche Schritte rechtlich und wirtschaftlich sinnvoll erscheinen.

 

Verdacht auf Kryptobetrug mit Stablecoins?

Wer Zahlungswege, Kommunikation und Wallet-Daten gesichert hat, kann diese für eine erste Einordnung übermitteln.

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