BVerfG, 06.07.2010 - 2 BvR 2661/06 - Voraussetzungen einer Kontrolle von Akten europäischer Organe auf Kompetenzverstöße (Ultra-vires-Kontrolle) durch das Bundesverfassungsgericht; Erforderlichkeit eines offensichtlich kompetenzwidrigen und zu einer strukturell bedeutsamen Verschiebung zulasten der Mitgliedstaaten führenden Handelns der Unionsgewalt; Klärung der Zulässigkeit von Handlungen europäischer Organe i.R.e. Vorabentscheidungsverfahrens durch den Gerichtshof der Europäischen Union vor Annahme eines kompetenzwidrigen Aktes; Gewährung einer innerstaatlichen Entschädigung zur Sicherung des verfassungsrechtlichen Vertrauensschutzes i.R.e. rückwirkenden Nichtanwendbarkeit eines Gesetzes infolge einer Entscheidung des Gerichtshofes der Europäischen Union; Voraussetzungen eines Verstoßes gegen Art. 101 Abs. 1 S. 2 GG durch eine Verletzung der unionsrechtlichen Vorlagepflicht i.R.e Auslegung und Anwendung von Zuständigkeitsnormen

Bundesverfassungsgericht
Beschl. v. 06.07.2010, Az.: 2 BvR 2661/06
Gericht: BVerfG
Entscheidungsform: Beschluss
Datum: 06.07.2010
Referenz: JurionRS 2010, 22026
Aktenzeichen: 2 BvR 2661/06
 

Rechtsgrundlagen:

Art. 267 AEUV

Art. 5 Abs. 1 S. 1 EUV

Art. 5 Abs. 2 S. 1 EUV

Art. 19 Abs. 1 Unterabs. 1 S. 2 EUV

Art. 1 GG

Art. 2 Abs. 1 GG

Art. 12 Abs. 1 GG

Art. 20 Abs. 3 GG

Art. 23 Abs. 1 GG

Art. 79 Abs. 3 GG

Art. 101 Abs. 1 S. 2 GG

§ 14 Abs. 3 S. 4 TzBfG

Art. 6 Abs. 1 RL 78/00/EG

Fundstellen:

BVerfGE 126, 286 - 318

ArbR 2010, 483

ArbRB 2010, 273-274

AuA 2010, 609

AuR 2010, 397

AUR 2010, 397

DÖV 2010, 941

DVBl 2010, 1229-1235

EuGRZ 2010, 506-510

EuGRZ 2010, 497-506

EuR 2011, 226-240

EuZW 2010, 835-837

EuZW 2010, 826-837

EuZW 2010, 683-684

EWiR 2010, 685

EWS 2010, 368-380

EWS 2010, 376-380

EzA-SD 19/2010, 6-8

FA 2010, 301

GewArch 2011, 94-95

GuT 2011, 448 (Pressemitteilung)

GuT 2011, 447-448 (Pressemitteilung)

JA 2011, 78-80

JZ 2010, 1182-1185

JZ 2010, 1177-1185

Life&Law 2010, 694-702

NJW 2010, 3428-3430 "Fall Honeywell"

NJW 2010, 3422-3428 "Fall Honeywell"

NZA 2010, 995-1004

NZA 2010, 1001-1004

PERSONALmagazin 2010, 72

RIW 2010, 707-711

RIW/AWD 2010, 699-711

RÜ 2010, 653-656

VR 2010, 425-428

ZAP EN-Nr. 709/2010

ZAP 2010, 1096

ZBB 2010, 428

ZESAR 2011, 41-47

ZIP 2010, 1711-1722

ZTR 2010, 536-537

Verfahrensgegenstand:

Verfassungsbeschwerde
der Firma H... GmbH,
...
gegen
das Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 26. April 2006 - 7 AZR 500/04 -

Amtlicher Leitsatz:

  1. 1.
    1. a)

      Eine Ultra-vires-Kontrolle durch das Bundesverfassungsgericht kommt nur in Betracht, wenn ein Kompetenzverstoß der europäischen Organe hinreichend qualifiziert ist. Das setzt voraus, dass das kompetenzwidrige Handeln der Unionsgewalt offensichtlich ist und der angegriffene Akt im Kompetenzgefüge zu einer strukturell bedeutsamen Verschiebung zulasten der Mitgliedstaaten führt.

  2. 2.
    1. b)

      Vor der Annahme eines Ultra-vires-Akts ist dem Gerichtshof der Europäischen Union im Rahmen eines Vorabentscheidungsverfahrens nach Art. 267 AEUV die Gelegenheit zur Vertragsauslegung sowie zur Entscheidung über die Gültigkeit und die Auslegung der fraglichen Handlungen zu geben, soweit er die aufgeworfenen Fragen noch nicht geklärt hat.

    Zur Sicherung des verfassungsrechtlichen Vertrauensschutzes ist zu erwägen, in Konstellationen der rückwirkenden Nichtanwendbarkeit eines Gesetzes infolge einer Entscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union innerstaatlich eine Entschädigung dafür zu gewähren, dass ein Betroffener auf die gesetzliche Regelung vertraut und in diesem Vertrauen Dispositionen getroffen hat.

  3. 3.

    Nicht jede Verletzung der unionsrechtlichen Vorlagepflicht stellt einen Verstoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dar. Das Bundesverfassungsgericht beanstandet die Auslegung und Anwendung von Zuständigkeitsnormen nur, wenn sie bei verständiger Würdigung der das Grundgesetz bestimmenden Gedanken nicht mehr verständlich erscheinen und offensichtlich unhaltbar sind. Dieser Willkürmaßstab wird auch angelegt, wenn eine Verletzung von Art. 267 Abs. 3 AEUV in Rede steht (Bestätigung von BVerfGE 82, 159 <194>).

In dem Verfahren
...
hat das Bundesverfassungsgericht - Zweiter Senat -
unter Mitwirkung der Richterinnen und Richter
Präsident Voßkuhle, Broß, Osterloh, Di Fabio, Mellinghoff, Lübbe-Wolff, Gerhardt, Landau
am 6. Juli 2010
beschlossen:

Tenor:

Die Verfassungsbeschwerde wird zurückgewiesen.

Diese Artikel im Bereich Internationales und EU könnten Sie interessieren

Der Brexit – Auswirkungen auf bestehende und künftige Vertragsverhältnisse mit englischen Vertragspartnern

Der Brexit – Auswirkungen auf bestehende und künftige Vertragsverhältnisse mit englischen Vertragspartnern

Nachdem Frau Premierministerin Theresa May verkündet hat „Brexit bleibt Brexit“, ist es für die Unternehmen angezeigt, sich mit möglichen Rechtsfolgen des Vollzuges auseinanderzusetzen. mehr

Compliance Training – Part II: Risk Ranking and Design

Compliance Training – Part II: Risk Ranking and Design

Yesterday I began what I thought would be a two-part series on compliance training.However, or perhaps more accurately, as usual, I got carried away so I am now off on a multi-part series on how to… mehr

Compliance Training, Part I

Compliance Training, Part I

In a recent Slate article, entitled “Ethics Trainings Are Even Dumber Than You Think”, author L.V. Anderson railed against what she termed box-checking training where companies put on training not to… mehr