Verwaltungsakt mit Dauerwirkung

Rechtswörterbuch

 Normen 

Gesetzlich nicht geregelt.

 Information 

1. Begriffsbestimmung

Verwaltungsakte sind als Dauerverwaltungsakte zu qualifizieren, wenn sie längerfristige Rechtsverhältnisse begründen oder verändern, ihnen also eine Wirkung zukommt, die sich nicht durch eine einmalige Vollziehung oder Rechtsgestaltung verbraucht. Ihre Wirkung tritt nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern während eines bestimmten Zeitraums ein.

Beispiel:

Die Gewerbeuntersagung (vgl. § 35 GewO) ist ein Dauerverwaltungsakt, denn sie verbietet dem Betroffenen für die Dauer ihrer Wirksamkeit, das Gewerbe auszuüben.

Weitere Beispiele:

Gewerbe- und Gaststättenerlaubnis, Widmung einer Straße, die Gewährung von Ausbildungsförderung, Beamtenernennung, Einbürgerung.

Gegenbeispiel:

Die Gewährung von Sozialhilfe ist kein Dauerverwaltungsakt. Die Tatsache, dass Sozialhilfe über einen längeren Zeitraum laufend gewährt wird, bedeutet nicht, dass hier für die Zukunft bereits eine Bewilligung der Sozialhilfe vorliegt. Die Bewilligung bezieht sich vielmehr nur auf den nächsten Zahlungszeitraum (der in aller Regel einen Monat umfasst). Entsprechend bedeutet eine Einstellung der Hilfen nicht eine Rücknahme eines Dauerverwaltungsakts, sondern eine Ablehnung eines Verwaltungsakts für den neuen Bewilligungszeitraum.

2. Entscheidungserheblicher Zeitpunkt für die Rechtmäßigkeit

Unrichtig ist die Annahme, Streitgegenstand der Anfechtungsklage gegen einen Dauerverwaltungsakt ist stets nur dessen Rechtmäßigkeit im Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung. Für die Frage des entscheidungserheblichen Zeitpunkts für die Rechtmäßigkeit von Dauerverwaltungsakten ist nach der Entscheidung BVerwG 05.01.2012 - 8 B 62/11 vielmehr wie folgt zu unterscheiden:

  • Der Umfang des Streitgegenstands einer Anfechtungsklage wird - auch in zeitlicher Hinsicht - durch den Kläger bestimmt.

  • Der Verwaltungsakt mit Dauerwirkung kann nicht nur für einen bestimmten Zeitpunkt, sondern auch für den gesamten Zeitraum seiner Wirksamkeit oder auch nur für Teile dieses Zeitraums angefochten werden.

  • Wird der Aufhebungsantrag ohne nähere zeitliche Bestimmung gestellt, ist regelmäßig anzunehmen, dass die Aufhebung des Dauerverwaltungsakts für den gesamten Zeitraum seiner Wirksamkeit begehrt wird.

  • Der Umstand, dass seine Rechtmäßigkeit in Ermangelung abweichender gesetzlicher Bestimmungen regelmäßig nach der Sach- und Rechtslage zu beurteilen ist, wie sie im Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung besteht, ändert hieran nichts; er hat zur unausgesprochenen Voraussetzung, dass sich die Sach- und Rechtslage seit seinem Erlass nicht verändert hat.

  • Hat sich die Sach- oder die Rechtslage seit dem Erlass des Verwaltungsakts in ausschlaggebender Weise verändert, so muss der Kläger entscheiden, ob er sein Aufhebungsbegehren auf den Zeitraum nach der Veränderung beschränkt.

  • Voraussetzung des Antrags auf Aufhebung auch für vergangene Zeiträume ist eine andauernde Beschwer Klägers.

Eine Ausnahme bildet der Fall der Gewerbeuntersagung wegen Unzuverlässigkeit: Obwohl es sich bei der Gewerbeuntersagung um einen Dauerverwaltungsakt handelt, wird hier nicht geprüft, ob die Unzuverlässigkeit des von der Gewerbeuntersagung Betroffenen noch im Zeitpunkt der verwaltungsgerichtlichen Entscheidung besteht, entscheidend ist vielmehr, ob Unzuverlässigkeit im Zeitpunkt der letzten Behördenentscheidung vorgelegen hat (vgl.BVerwG 16.06.1995 - 1 B 83/95). Grund hierfür ist, dass in § 35 Abs. 6 GewO die Möglichkeit der Wiedergestattung der Ausübung des Gewerbes auf einen entsprechenden Antrag an die Behörde hin vorgesehen ist und verhindert werden soll, dass die Umstände für eine Wiedergestattung in den Anfechtungsprozess gezogen werden.

Eine weitere wichtige Ausnahme bildet der Entzug der Fahrerlaubnis: Auch hier kommt es bei einer gegen die Entziehung gerichteten Klage auf den Zeitpunkt der letzten Behördenentscheidung an. Könnte sich der Kläger im Verwaltungsprozess auf eine seit der letzten Behördenentscheidung eingetretene Veränderung berufen, würden die besonderen gesetzlichen Voraussetzungen, die an eine Neuerteilung der Fahrerlaubnis nach § 20 FeV gestellt werden, umgangen.

 Siehe auch 

BVerwG 03.09.2010 - 6 B 29/10 (Festsetzung einer Gebühr wegen Überschreitung der Regelstudienzeit durch einen Dauerverwaltungsakt)

BVerwG 22.11.2001 - 5 C 10/00 (Pflegebescheid als Verwaltungsakt mit Dauerwirkung)

BVerwG 28.02.1997 - 1 C 29/95

BVerwG 16.06.1995 - 1 B 83/95

BVerwG 14.12.1994 - 11 C 25/93

BVerwG 27.10.1992 - 11 B 52/92

Grieger: Der Verwaltungsakt mit Dauerwirkung im Sozialhilferecht; Zeitschrift für Sozialhilfe und Sozialgesetzbuch - ZfSH/SGB 2002, 451

Wehr: Der Verwaltungsakt mit Dauerwirkung; Bayerische Verwaltungsblätter - BayVBl. 2007, 385

Schübel-Pfister: Aktuelles Verwaltungsprozessrecht; Juristische Schulung - JuS 2012, 420