Treu und Glauben

Rechtswörterbuch

 Normen 

§ 242 BGB

 Information 

1. Einführung

Grundsatz des deutschen Rechtssystems.

Durch den Grundsatz von Treu und Glauben sollen die in der Gemeinschaft sowie durch die Grundrechte herrschenden Wertvorstellungen bei der Anwendung der Rechtsvorschriften bzw. Verträge in dem jeweiligen Einzelfall berücksichtigt werden. Immer erfordert die Anwendung des Grundsatzes eine Interessenabwägung.

Aufgaben des Grundsatzes von Treu und Glauben sind u.a.:

  • die Verhinderung des Rechtsmissbrauchs durch den Rechtsinhaber

  • die Einbringungen der oben genannten Wertvorstellungen

  • die Ergänzung von Normen / Verträgen um bestimmte Grundsätze / Pflichten

Der Grundsatz von Treu und Glauben ist u.a. in den folgenden Rechtssätzen verwertet:

2. Unzulässige Rechtsausübung

2.1 Allgemein

Die Ausübung eines Rechts ist dann unzulässig, wenn das ihm zugrunde liegende Interesse im Einzelfall aus besonderen Gründen nicht schutzwürdig erscheint (Einwand der unzulässigen Rechtsausübung). Eine solche Aberkennung der Schutzwürdigkeit ist das Ergebnis einer umfassenden Wertung des Interesses. Nicht schon jedes Ungleichgewicht, nicht schon jede übermäßige wirtschaftliche Benachteiligung der Gegenseite macht eine Rechsausübung unzulässig, sondern es muss sich um Ausnahmefälle einer grob unbilligen, mit der Gerechtigkeit nicht zu vereinbarenden Benachteiligung handeln (u.a. LG Koblenz 18.03.2009 - 10 O 250/08).

Die Berufung auf die Verjährung des Anspruchs kann dann eine unzulässige Rechtsausübung sein, wenn der Schuldner den Gläubiger durch sein Verhalten von der Erhebung der Klage abgehalten oder ihn nach objektiven Maßstäben zu der Annahme veranlasst hat, es werde auch ohne Rechtsstreit eine vollständige Befriedigung seines Anspruchs zu erzielen sein. Der Schuldner setzt sich in Widerspruch zu seinem eigenen Verhalten, wenn er zunächst den Gläubiger zur Untätigkeit veranlasst und später aus der Untätigkeit einen Vorteil herleiten will, indem er sich auf Verjährung beruft. Dies kann man annehmen, wenn der Schuldner durch positives Tun oder durch ein pflichtwidriges Unterlassen einen entsprechenden Irrtum beim Gläubiger erregt hat (BAG 07.11.2007 - 5 AZR 910/06).

2.2 Unterfälle

2.2.1 Verhältnismäßigkeitsgrundsatz

Ein Unterfall der unzulässigen Rechtsausübung ist der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz.

2.2.2 Verwirkung

Die Verwirkung ist ein Sonderfall der unzulässigen Rechtsausübung wegen widersprüchlichen Verhaltens. Mit der Verwirkung wird ausgeschlossen, Rechte illoyal verspätet geltend zu machen.

Sie dient dem Vertrauensschutz und verfolgt nicht den Zweck, den Schuldner stets dann von seiner Verpflichtung zu befreien, wenn der Gläubiger sich längere Zeit nicht auf seine Rechte berufen hat (Zeitmoment). Der Berechtigte muss vielmehr unter Umständen untätig geblieben sein, die den Eindruck erweckt haben, dass er sein Recht nicht mehr wahrnehmen wolle, sodass der Verpflichtete sich darauf einstellen durfte, nicht mehr in Anspruch genommen zu werden (Umstandsmoment). Hierbei muss das Erfordernis des Vertrauensschutzes aufseiten des Verpflichteten das Interesse des Berechtigten derart überwiegen, dass ihm die Erfüllung des Anspruchs nicht mehr zuzumuten ist (BAG 23.02.2010 - 2 AZR 659/08).

Die Verwirkung verfolgt nicht den Zweck, den Schuldner bereits dann von seiner Verpflichtung zu befreien, wenn dessen Gläubiger längere Zeit seine Rechte nicht geltend gemacht hat (Zeitmoment). Zudem hat das Rechtsinstitut der Verwirkung Ausnahmecharakter (BAG 11.12.2014 - 8 AZR 838/13).

2.2.3 Rechtsmissbrauch

Die Rechtsfigur des Rechtsmissbrauchs hat, wie z.B. auch bei der Verwirkung einer Forderung, zur Folge, dass der Berechtigte das ihm formal zustehende Recht nicht ausüben darf. Rechtsgebiete, in denen der Rechtsmissbrauch generell ausgeschlossen wäre, gibt es nicht.

Allgemeine Anwendungsvoraussetzung ist das Bestehen einer rechtlichen Sonderbeziehung. Eine derartige Beziehung besteht insbesondere bei Existenz eines vertraglichen oder gesetzlichen Schuldverhältnisses, das nicht nur zivilrechtlicher, sondern auch öffentlich-rechtlicher Natur sein kann. Rechtsmissbräuchliches Verhalten ist danach in allen Rechtsgebieten unzulässig. Individueller Rechtsmissbrauch wird nach gebräuchlicher Definition angenommen, wenn der Berechtigte kein schutzwürdiges Eigeninteresse verfolgt oder überwiegende schutzwürdige Interessen der Gegenpartei entgegenstehen und die Rechtsausübung im Einzelfall zu einem grob unbilligen und mit der Gerechtigkeit nicht mehr zu vereinbarenden Ergebnis führen würde.

Die Rechtsprechung des BGH und des BAG hat den steuerrechtlich zulässigen Steuerklassenwechsel als rechtsmissbräuchlich eingestuft, wenn er zur Beeinflussung privater Rechtsverhältnisse vorgenommen worden ist. Dies gilt nicht gleichermaßen für den zur Benachteiligung des Staates vorgenommenen Steuerklassenwechsel (BSG 25.06.2009 - B 10 EG 3/08 R).

Hinweis:

Zum Rechtsmissbrauch bei einem Formmangel siehe den Beitrag "Schriftform".

 Siehe auch 

Bruschke: Auskünfte des Finanzamts mit Bindungswirkung nach Treu und Glauben; Der Steuerberater - StB 2006, 136

Hamm: Kann der Verstoß gegen Treu und Glauben strafbar sein?; Neue Juristische Wochenschrift - NJW 2005, 1993

Hüttner: Treu und Glauben im Steuerrecht; Steuer & Studium - SteuerStud 1998, 150

Kniffka: Treu und Glauben im Baurecht; Baurecht - BauR 2012, 1467

Lippe/Voigt: Verwirkung von Widerrufsrechten; Neue Zeitschrift für Gesellschaftsrecht - NZG 2010, 1258

Schwarz: Die Anwendung von Treu und Glauben auf den Honoraranspruch nach HOAI; Baurecht - BauR 2001, 708

Diese Artikel könnten Sie interessieren

§ 307 BGB - Inhaltskontrolle BGB - Kreditbearbeitungsgebühren

§ 307 BGB - Inhaltskontrolle BGB - Kreditbearbeitungsgebühren

Schwerter haben Namen und haben auch ansonsten einiges mit Gesetzen gemeinsam. Das Excalibur der deutschen Gesetze ist sicherlich § 307 BGB. Hier geht es um Inhaltskontrolle und gemeint ist… mehr

Bausparer können sich nach BGH-Urteil Darlehensgebühren zurückholen

Bausparer können sich nach BGH-Urteil Darlehensgebühren zurückholen

Bausparer können sich nach BGH-Urteil Darlehensgebühren zurückholen mehr

Keine Pflicht zur Abnahme bei geringfügigen Mängeln

Keine Pflicht zur Abnahme bei geringfügigen Mängeln

Ein Käufer eines PKW kann die Abnahme und die Zahlung des (gesamten) Kaufpreises verweigern, sofern ein Mangel vorliegt und zwar auch dann, wenn es sich um einen geringfügigen behebbaren Mangel… mehr