Abstand im Straßenverkehr

Rechtswörterbuch

 Normen 

§ 4 StVO

§ 49 StVO

 Information 

1. Allgemein

Der einzuhaltende Abstand im Straßenverkehr ist in § 4 StVO normiert. So muss der Abstand von einem vorausfahrenden Fahrzeug so groß sein, dass auch dann hinter ihm gehalten werden kann, wenn der vorausfahrende Fahrer plötzlich abbremst.

Ein Verstoß gegen die Abstandsgebote führt zu einer Ordnungswidrigkeit nach § 49 Abs. 1 Nr. 4 StVO.

Eine Abstandsunterschreitung kann bereits dann als Ordnungswidrigkeit geahndet werden, wenn der Fahrer zu irgendeinem Zeitpunkt seiner Fahrt objektiv pflichtwidrig und subjektiv vorwerfbar den Abstand unterschreitet, d.h. auch für einen nur sehr kurzen Moment. Feststellungen zu einer "nicht ganz vorübergehenden" Abstandsunterschreitung (zuvor mindestens drei Sekunden) bedarf es in diesem Fall nicht (OLG Hamm 22.12.2014 - 3 RBs 264/14).

2. Verschulden bei einem Auffahrunfall

Nach dem Urteil OLG Düsseldorf 29.09.2005 - 10 U 203/04 ist bei einem Auffahrunfall nach den Grundsätzen des Anscheinsbeweises grundsätzlich von einem Verschulden des Auffahrenden auszugehen, entweder aufgrund eines ungenügenden Sicherheitsabstandes, zu hoher Geschwindigkeit oder allgemeiner Unaufmerksamkeit.

Auch wenn ein Unfallbeteiligter nach dem Auffahrunfall das Fahrzeug verlässt und auf der eisglatten Fahrbahn stürzt, verwirklicht sich eine durch den Unfall entstandene Gefahrenlage (BGH 26.02.2013 - VI ZR 116/12).

Voraussetzung ist jedoch ein typischer Geschehensverlauf. Der Gegner kann den Anscheinsbeweis entkräften, wenn er die Möglichkeit eines atypischen Geschehensablaufs darlegt (OLG Düsseldorf 29.09.2005 - 10 U 203/04).

Jedoch darf der vorausfahrende Fahrer gemäß § 4 Abs. 1 S. 2 StVO nicht ohne zwingenden Grund stark bremsen. Bei einer abrupten Bremsung ohne äußeren Anlass liegt insofern gleichzeitig ein schuldhafter Verkehrsverstoß des vorausfahrenden Fahrzeugführers vor. Bei einem Auffahrunfall kann eine Haftungsquote von 50 % in Betracht kommen (OLG Karlsruhe 20.12.2012 - 9 U 88/11).

Ist es zu einem Kettenauffahrunfall gekommen, so bestehen folgende Beweisgrundsätze (OLG Hamm 06.02.2014 - 6 U 101/13):

  • Bei einem Kettenauffahrunfall kommt ein Anscheinsbeweis (Beweishilfen) für eine schuldhafte Verursachung des Heckaufpralls durch den letzten in der Kette auffahrenden Verkehrsteilnehmer nur dann in Betracht, wenn feststeht, dass das ihm vorausfahrende Fahrzeug des Geschädigten rechtzeitig hinter seinem Vordermann zum Stehen gekommen ist und nicht durch einen Aufprall auf das vorausfahrende Fahrzeug den Bremsweg des ihm folgenden Fahrzeugs verkürzt hat.

  • Führen bei einem Kettenauffahrunfall die Schäden im Front- und Heckbereich des geschädigten Kraftfahrzeugs zu einem wirtschaftlichen Totalschaden und ist nicht feststellbar, ob der Frontschaden durch das Auffahren des nachfolgenden Fahrzeugs verursacht wurde, kann der gegen den Auffahrenden begründete Schadensersatzanspruch betreffend den Heckanstoß durch die quotenmäßige Aufteilung des Gesamtschadens, gemessen am Verhältnis der jeweiligen Reparaturkosten, ermittelt werden. Dies gilt jedenfalls dann, wenn die Verursachung auch des Frontschadens durch den Auffahrenden nicht weniger wahrscheinlich ist als die Entstehung des Frontschadens unabhängig vom Heckaufprall.

 Siehe auch 

Himmelreich/Halm: Handbuch des Fachanwalts Verkehrsrecht; 5. Auflage 2014

Heß/Burmann: Die aktuellen Entwicklungen im Straßenverkehrsrecht; Neue Juristische Wochenschrift - NJW 2015, 1152

Lütkes: Straßenverkehr. Kommentar; Loseblattwerk