Bundesverwaltungsgericht
Beschl. v. 09.03.2012, Az.: BVerwG 7 B 9.12
Geltung des Bestimmtheitsgebots für die Bezeichnung des Verbandsgebiets gem. § 6 Abs. 2 Nr. 3 WVG beim Zusammenschluss einer ursprünglich nach genossenschaftlichen Grundsätzen organisierten Gemeinschaft
Gericht: BVerwG
Entscheidungsform: Beschluss
Datum: 09.03.2012
Referenz: JurionRS 2012, 11844
Aktenzeichen: BVerwG 7 B 9.12
 

Verfahrensgang:

vorgehend:

VGH Hessen - 11.11.2011 - AZ: 7 A 203/11

Rechtsgrundlagen:

§ 6 Abs. 2 Nr. 3 WVG

§ 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO

BVerwG, 09.03.2012 - BVerwG 7 B 9.12

Redaktioneller Leitsatz:

Eine Rechtssache ist nur dann Grundsätzlich bedeutsam im Sinne des § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO , wenn in dem angestrebten Revisionsverfahren die Klärung einer bisher höchstrichterlich ungeklärten, in ihrer Bedeutung über den der Beschwerde zugrunde liegenden Einzelfall hinausgehenden entscheidungserheblichen und klärungsbedürftigen Rechtsfrage des anfechtbaren Rechts zu erwarten ist.

In der Verwaltungsstreitsache
hat der 7. Senat des Bundesverwaltungsgerichts
am 9. März 2012
durch
den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Sailer
und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Krauß und Brandt
beschlossen:

Tenor:

Die Beschwerde des Beklagten gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs vom 11. November 2011 wird zurückgewiesen.

Der Beklagte trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens mit Ausnahme der außergerichtlichen Kosten des Beigeladenen, die dieser selbst trägt.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 2 268,94 EUR festgesetzt.

Gründe

I

1

Der Kläger wendet sich gegen an ihn als Verbandsmitglied gerichtete Beitragsbescheide des beklagten Wasser- und Bodenverbandes.

2

Das Verwaltungsgericht hat der Klage stattgegeben. Die Beitragsbescheide seien rechtswidrig und verletzten den Kläger in seinen Rechten, da dieser nicht Mitglied des Beklagten sei. Der Verwaltungsgerichtshof hat die Berufung des Beklagten zurückgewiesen. Der Beklagte sei nicht zur Geltendmachung von Ansprüchen durch Verwaltungsakt berechtigt; denn der Beklagte existiere nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dies ergebe sich zum einen aus fehlerhaften öffentlichen Bekanntmachungen der Aufsichtsbehörde, die die Unwirksamkeit der in der Gründungsverhandlung im Mai 1996 getroffenen Beschlüsse bewirkten. Zum anderen fehle für die rechtliche Existenz des Beklagten als Körperschaft des öffentlichen Rechts eine wirksame Gründungssatzung. Letzteres folge zum einen aus den Fehlern der öffentlichen Bekanntmachung. Darüber hinaus sei die Gründungssatzung auch wegen Verstoßes gegen höherrangiges materielles Recht unwirksam. Die Bestimmung des Verbandsgebiets in der Gründungssatzung verletze mangels Bestimmtheit § 6 Abs. 2 Nr. 3 Wasserverbandsgesetz (WVG), wonach zum Mindestinhalt der Satzung die Bestimmung des Verbandsgebiets zähle. Nach der Satzung erstrecke sich das Verbandsgebiet auf das Gebiet des Lahn-Dill-Kreises sowie dessen Umgebung.

3

Die Feststellung, dass der Beklagte mangels wirksamer Errichtung von Anfang an als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit der Befugnis, Verwaltungsakte zu erlassen, nicht bestanden habe, sei auch im Hinblick auf dessen Auftreten und Wirken als Wasser- und Bodenverband seit diesem Zeitpunkt mit der Rechtsordnung vereinbar.

4

Selbst bei unterstellter Existenz des Beklagten als Körperschaft des öffentlichen Rechts sei der Kläger nicht dessen Mitglied, das durch Leistungsbescheid zur Zahlung von Mitgliedsbeiträgen herangezogen werden könne. Er habe der Errichtung des Beklagten nicht zugestimmt. Auch die Zustimmungsfiktion greife nicht ein; denn er sei zur Gründungsverhandlung nicht ordnungsgemäß geladen worden.

5

Gegen die Nichtzulassung der Revision in diesem Urteil richtet sich die Beschwerde des Beklagten.

II

6

Die Beschwerde ist unbegründet. Die Rechtssache hat keine grundsätzliche Bedeutung (§ 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO).

7

Grundsätzlich bedeutsam im Sinne des § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO ist eine Rechtssache nur dann, wenn in dem angestrebten Revisionsverfahren die Klärung einer bisher höchstrichterlich ungeklärten, in ihrer Bedeutung über den der Beschwerde zugrunde liegenden Einzelfall hinausgehenden entscheidungserheblichen und klärungsbedürftigen Rechtsfrage des revisiblen Rechts (§ 137 Abs. 1 VwGO) zu erwarten ist. Ist das Berufungsurteil auf zwei oder mehrere die Entscheidung selbstständig tragende Gründe gestützt, kann die Revision nur zugelassen werden, wenn hinsichtlich jedes dieser Gründe ein Revisionszulassungsgrund geltend gemacht wird und vorliegt. Anderenfalls fehlt es an der Entscheidungserheblichkeit der aufgeworfenen Frage.

8

Hier liegt hinsichtlich keiner der die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs tragenden Gründe ein Revisionszulassungsgrund vor. Deshalb kann dahinstehen, ob die Beschwerde bei der Geltendmachung der einzelnen Fragen dem Darlegungsgebot (§ 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO) genügt.

9

Die Beschwerde hält zum einen sinngemäß für klärungsbedürftig die Frage, ob für die Bezeichnung des Verbandsgebiets gemäß § 6 Abs. 2 Nr. 3 WVG das Bestimmtheitsgebot auch dann gilt, wenn es um einen Zusammenschluss einer ursprünglich nach genossenschaftlichen Grundsätzen organisierten Gemeinschaft geht. Diese Frage ist ohne Weiteres zu bejahen. Gemäß § 6 Abs. 2 Nr. 3 WVG muss die Satzung mindestens Bestimmungen enthalten über das Verbandsgebiet. Eine solche Bezeichnung muss in allen Fällen hinreichend bestimmt sein. Dies ist hier - wie der Verwaltungsgerichtshof ausgeführt hat -zweifellos nicht der Fall.

10

Weiter hält die Beschwerde sinngemäß für klärungsbedürftig die Frage, ob gemäß § 67 WVG eine öffentliche Bekanntmachung stets im gesamten Verbandsgebiet geboten ist. Auch diese Frage rechtfertigt die Zulassung der Revision nicht. Öffentliche Bekanntmachungen erfolgen gemäß § 67 Satz 2 WVG nach Landesrecht, soweit dort eine von § 67 Satz 1 WVG abweichende Regelung getroffen ist. Dies ist hier mit § 5 Abs. 3 des Hessischen Ausführungsgesetzes zum Wasserverbandsgesetz geschehen. Diese Vorschrift ist nicht revisibel (§ 137 Abs. 1 VwGO). Im Übrigen ist es ein allgemeiner Grundsatz des öffentlichen Rechts, dass zwingende Bekanntmachungsvorschriften nicht aufgrund besonderer Interessen von Beteiligten einschränkend ausgelegt werden können.

11

Soweit die Beschwerde anschließend rügt, das angegriffene Urteil befasse sich nicht mit der Frage, ob dem Beklagten, sollte er nicht existent sein, ein öffentlich-rechtlicher Erstattungsanspruch zustehe, wird keine entscheidungserhebliche Frage gestellt. Im Rahmen der vorliegenden Anfechtungsklage war nur zu prüfen, ob der Beklagte befugt ist, Verwaltungsakte zu erlassen. Ob dem Beklagten möglicherweise andere öffentlich-rechtliche Ansprüche zustehen können, war nicht entscheidungserheblich.

12

Schließlich führen die unter Buchstabe d der Beschwerdeschrift geltend gemachten formellen Fehler der Gründungssatzung - wie im Berufungsurteil im Einzelnen dargelegt wird - zur Nichtigkeit der Satzung. Eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung wird insoweit nicht prozessordnungsgemäß dargelegt (§ 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO). Dies gilt nicht zuletzt deswegen, weil die Annahme des Vorliegens materiell-rechtlicher Fehler nicht mit durchgreifenden Rügen in Frage gestellt worden ist.

13

Soweit der Beigeladene darlegt, warum seines Erachtens die Rechtssache grundsätzliche Bedeutung hat, ist dem nicht weiter nachzugehen. Denn diese Ausführungen des Beigeladenen erfolgten erst in dessen Stellungnahme zu der Beschwerde des Beklagten und damit nach Ablauf der Fristen zur Einlegung und Begründung der Nichtzulassungsbeschwerde.

14

Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2 und § 162 Abs. 3 VwGO. Da der Beigeladene sich auf Seiten des unterliegenden Beklagten beteiligt hat, entspricht es nicht der Billigkeit, dem Beklagten die außergerichtlichen Kosten des Beigeladenen aufzuerlegen.

15

Die Festsetzung des Streitwerts beruht auf § 47 Abs. 1 und 3 i.V.m. § 52 GKG.

Sailer

Krauß

Brandt

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