Anlageberater müssen sich über Risikobereitschaft und Kenntnisstand ihrer Kunden informieren

09.09.20061602 Mal gelesen

Der Sachverhalt:
Der Beklagte ist Anlageberater. Er hatte dem damals 35 Jahre alten Kläger 1998 eine Beteiligung als atypisch stiller Gesellschafter an der F.AG vermittelt. Der Kläger leistete eine Einmahlzahlung von 10.000 Euro und sollte dann über 30 Jahre hinweg monatlich rund 100 Euro zahlen. Im Jahr 2004 widerrief der Kläger sein Beteiligungsverhältnis und verlangte vom Beklagten die Zahlung von Schadensersatz.

Der Kläger trug vor, dass er die Kapitalanlage zur Altersvorsorge habe tätigen wollen. Da er Normalverdiener im unteren Einkommensbereich sei, sei eine Anlage als atypisch stiller Gesellschafter nicht empfehlenswert. Denn bei dieser Anlageform bestehe die Gefahr, dass er sein eingesetztes Kapital teilweise oder sogar ganz verliere. Diese Umstände, wie auch der Umstand, dass er ein unerfahrener Anleger gewesen sei, seien dem Beklagten bekannt gewesen.

Die Schadensersatzklage hatte Erfolg.

Die Gründe:
Der Kläger hat gegen den Beklagten einen Anspruch auf Zahlung von Schadensersatz, weil die von ihm vermittelte Anlage nicht anlegergerecht war.

Der zum Anlagezeitpunkt 35 Jahre alte Kläger beabsichtigte mit der Kapitalanlage eine neben der gesetzlichen Rente bestehende Altersvorsorge. Eine Beteiligung als atypisch stiller Gesellschafter ist jedoch grundsätzlich nicht zur Altersvorsorge geeignet, da bei dieser Art der Beteiligung das Risiko besteht, dass der Anleger sein eingesetztes Kapital teilweise oder sogar ganz verliert. Zudem ist vorliegend zu berücksichtigen, dass es sich bei dem Kläger um einen Normalverdiener in einer unteren Einkommensklasse handelt. Bei Anlegern dieser Einkommensklasse ist regelmäßig davon auszugehen, dass sie kein Risiko bei der Kapitalanlage zur Alterssicherung eingehen möchten.

Der Beklagte musste zudem erkennen, dass der Kläger ein unerfahrender Anleger war. Sollte ihm dies verborgen geblieben sein, so ist ihm der Vorwurf zu machen, dass er sich nicht über den Kenntnisstand des Klägers informiert hat. Denn es ist die Aufgabe von Anlageberatern, vor der Empfehlung einer Kapitalanlage die Anlageziele ihrer Kunden, deren Kenntnisstand bezüglich Kapitalanlagen, ihre Risikobereitschaft und finanziellen Möglichkeiten zu erfragen. Etwas anderes gilt nur, wenn ein Kunde auf einer bestimmten Kapitalanlage besteht und diese Entscheidung trotz umfassender und richtiger Aufklärung über deren Risiken aufrechterhält.


[OLG München 29.5.2006, 19 U 5914/05]