Zertifikate: Bei fehlerhafter Anlageberatung Anspruch auf Schadenersatz

30.04.20101060 Mal gelesen
Berlin, den 30.04.2010: Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt hat einem Anleger Schadenersatz wegen mangelhafter Anlageberatung (hier: Lehman-Zertifikate) zugesprochen. Dieser Entscheidung liegt der Ansatz zugrunde, dass besonders komplexe und damit komplizierte Finanzprodukte eine entsprechend umfassende und tiefgründige Aufklärung des Anlegers über die angebotene Anlage erfordern.
 
Der Fall
Auf telefonische Empfehlung eines Bankmitarbeiters erwarb der geschädigte Anleger sieben Zertifikate mit einem Nennbetrag von je 1.000 € der Lehman Brothers Treasury Co. B.V.
Das Twin Win Zertifikat 08/2007 (Schmetterlingszertifikat) ist so ausgestaltet, dass auf die Wertentwicklung des Dow Jones Eurostoxx 50 Indexes spekuliert wird. Dabei erfolgt die Rückzahlung des Twin Win Zertifikats in Abhängigkeit von der Entwicklung des Dow Jones Eurostoxx 50 Index. Dadurch kann der Anleger sowohl bei steigenden als auch bei fallenden Kursen des Basiswertes an der Entwicklung partizipieren. Der Rechtsform nach handelt es sich bei diesem Zertifikat um eine Inhaberschuldverschreibung.
Die Beratung zu diesem Finanzprodukt erfolgte ausschließlich telefonisch und ohne Übereichung schriftlichen Informationsmaterials.
Durch die Insolvenz der Emittentin trat nahezu ein Totalverlust der Anlage ein. Daraufhin klagte die Ehefrau des Anlegers (Zedent) aus abgetretenem Recht* auf Schadenersatz wegen fehlerhafter Anlageberatung und unzureichender Aufklärung über Rückvergütungen.
 
Die Entscheidung
Das Gericht sprach der Ehefrau des Anlegers den beanspruchten Schadensersatz aus abgetretenem Recht wegen der Verletzung von Beratungspflichten aus dem Beratungsvertrag zu.
Der Mitarbeiter der Bank sei verpflichtet gewesen, seinem  Kunden alle zweckdienlichen Informationen mitzuteilen, soweit dies zur Wahrung seiner Interessen und im Hinblick auf die Art und den Umfang der beabsichtigten Geschäfte erforderlich ist. Das gehöre zu seinen (vor)vertraglichen Aufklärungs- und Beratungspflichten.
Das Twin Win Zertifikat sei ist ein sehr komplexes Produkt, dessen Risiken von vorneherein wenig transparent erscheinen. Ein derartiges Zertifikat könne kaum in objektgerechter Weise telefonisch ohne schriftliches Informationsmaterial so erläutert werden, dass dies den zu stellenden Anforderungen einer zutreffenden und vollständigen Information über die tatsächlichen Umstände des Anlageobjekts, die für den Anlageentschluss von besonderer Bedeutung sind, genügen.
Bei der fehlerhaften Anlageberatung sei bereits der Erwerb der Kapitalanlage aufgrund einer fehlerhaften Information ursächlich für den späteren Schaden, weil der ohne die erforderliche Aufklärung gefasste Anlageentschluss von den Mängeln der fehlerhaften Aufklärung beeinflusst ist und es auf die Gründe, warum die Kapitalanlage später im Wert gefallen ist, nicht ankommt. Die Folge der schuldhaft verletzten Aufklärungspflicht, die zu dem Schaden geführt hat, ist, dass der Anleger so zu stellen ist, als habe er aufklärungsrichtig von der Zeichnung der Anlage Abstand genommen.
 
Der Kommentar
Das Urteil legt noch einmal überzeugend die Pflicht des Anlageberaters dar, seinen Kunden richtig und vollständig über diejenigen tatsächlichen Umstände des Anlageobjekts zu informieren, die für den Anlageentschluss von besonderer Bedeutung sind. Bemerkenswert ist an dieser Entscheidung, dass das Gericht aus der Kompliziertheit dieses Anlageproduktes entsprechend besonders hohe Anforderungen an die Anlageberatung ableitet. Und das mit der Konsequenz, dass sich die beklagte Bank mit dem Einwand, es habe sich um einen erfahrenen Anleger (Rechtsanwalt) gehandelt, der risikofreudig sei und in der Vergangenheit weitaus riskantere Anlagen gezeichnet hätte, nicht entlasten konnte. Dies ist im Übrigen nicht das erste Urteil, das bei einer Falschberatung einem akademisch Gebildeten, der scheinbar von Berufs wegen um die Risiken wissen müsste, Schadenersatz zuspricht, weil er eben in Bezug auf die konkrete Anlage überfordert und damit aufklärungsbedürftig war.
Auch wenn es am Entscheidungsergebnis nichts ändert. Wünschenswert wäre gewesen, wenn das Gericht die Ausnutzung des offenbar bestehenden Vertrauensverhältnisses zwischen dem geschädigten Anleger und seiner Bank (Kundenbetreuer) kritisch reflektiert hätte. Denn anders ist wohl ein "Telefongeschäft" dieser Art nicht zu erklären.
 
*Die sog. Abtretung (Zession), bei der der bisherige Gläubiger ? hier Anleger - (Zedent) durch Vertrag seine Forderungen an einen neuen Gläubiger ? hier Ehefrau ? (Zessionar) überträgt, wird im Gerichtsverfahren meist dann praktiziert, wenn es aus Beweisgründen den Klägern darum geht, den Zedenten zum Zeugen zu machen.
 
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