22.000 Euro Schmerzensgeld für hausärztlichen Befunderhebungsfehler - OLG Hamm vom 31.10.2014

22.000 Euro Schmerzensgeld für hausärztlichen Befunderhebungsfehler - OLG Hamm vom 31.10.2014
13.12.2014282 Mal gelesen
22.000 Euro Schmerzensgeld für hausärztlichen Befunderhebungsfehler durch das OLG Hamm verhängt. Eine Patientin kann von ihrer Hausärztin Schmerzensgeld verlangen, nachdem die Hausärztin von der Patientin geschilderte Schmerzen im Rücken und in der Gesäßhälfte unzureichend untersucht hatte.

OLG Hamm: 22.000 € Schmerzensgeld für Befunderhebungsfehler

Eine Patientin kann von ihrer Hausärztin 22.000 Euro Schmerzensgeld verlangen, nachdem die Hausärztin von der Patientin geschilderte Schmerzen im unteren Rücken und in der linken Gesäßhälfte unzureichend untersucht hatte und die Patientin 3 Tage später aufgrund einer Gewebeentzündung im Gesäßbereich (Entzündung des perirektalen und perianalen Fettgewebes) mit Verdacht auf eine bakterielle Infektionskrankheit der Unterhaut und Faszien (nekrotisierende Fasziitis) notfallmäßig operiert werden musste.

Die 1954 geborene Klägerin aus Bochum ließ sich im März 2012 von der beklagten Ärztin aus Bochum als Vertreterin ihrer Hausärztin wegen Beschwerden im Rücken- und Gesäßbereich behandeln.

Die beklagte Ärztin diagnostizierte Ischiasbeschwerden, verabreichte eine Spritze und verordnete ein Schmerzmittel.

3 Tage später musste die Klägerin notfallmäßig operiert werden, nachdem bei ihr eine Entzündung des perirektalen und perianalen Fettgewebes mit Verdacht auf eine nekrotisierende Fasziitis diagnostiziert worden war. Dabei wurde ein Teil des Schließmuskels entfernt.

In den folgenden Wochen waren 5 Nachoperationen erforderlich. Die Klägerin hat gemeint, von der Beklagten unzureichend untersucht worden zu sein. Unter Hin-weis auf fortbestehende Wundschmerzen und eine Stuhlinkontinenz sowie hier-durch bedingte psychische Belastungen hat sie Schadensersatz verlangt, unter anderem ein Schmerzensgeld von 25.000 Euro.

Das Schadensersatzbegehren der Klägerin war fast erfolgreich. Nach der Anhörung eines medizinischen Sachverständigen hat das OLG Hamm das bereits vom Landgericht zuerkannte Schmerzensgeld von 22.000 Euro bestätigt.

Die Beklagte sei den Ursachen der ihr von der Klägerin geschilderten Beschwer-den nicht ausreichend nachgegangen. Sie hafte deswegen für einen Befunder-hebungsfehler. Durch Betasten habe die Beklagte auch die Analregion der Klägerin untersuchen müssen.

Auf ihre Anfangsdiagnose habe sie sich nicht verlassen dürfen, sondern die Mög-lichkeit von Erkrankungen mit schwerwiegenden Folgen berücksichtigen müssen. Der angehörte medizinische Sachverständige habe bestätigt, dass eine Gewebe-entzündung im Gesäßbereich feststellbar gewesen wäre, wenn die Beklagte eine weitere Untersuchung der Klägerin veranlasst hätte. Diese Entzündung stelle einen reaktionspflichtigen Befund dar.

Sie nicht zu behandeln, wäre grob fehlerhaft gewesen, so dass der vorangegan-gene Befunderhebungsfehler der Beklagten eine Beweislastumkehr hinsichtlich der weiteren Entwicklung rechtfertige. Deswegen sei - auch wenn eine Operation als solche nicht zu vermeiden gewesen sei - zu Gunsten der Klägerin davon auszugehen, dass die erste Operation weniger schwerwiegend ausgefallen wäre, wenn sie 3 Tage früher stattgefunden hätte.

Möglicherweise wäre dann der Schließmuskel nicht beeinträchtigt und die Klägerin in vollem Umfang geheilt worden. Diese Verletzungsfolgen rechtfertigten das zuerkannte Schmerzensgeld.

Urteil des 26. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Hamm vom 31.10.2014 (26 U 173/13)

Quell: Christian Nubbemeyer, Pressedezernent

Bei dauerhaften Schmerzen und Problemen nach Arztbesuchen ist es häufig ratsam einen Anwalt für Patientenrecht aufzusuchen.