Irrtümer im Erbrecht

Irrtümer im Erbrecht
07.08.2013570 Mal gelesen
Bei meiner Arbeit als Fachanwältin für Erbrecht ist mir aufgefallen, dass in der Bevölkerung folgende Irrtümer im Erbrecht weit verbreitet sind.

Irrtümer im Erbrecht:

Nur Abkömmlinge haben einen Pflichtteil?

Ich bin ledig, meine Eltern leben noch. Zusammen mit meinem Lebensgefährten haben wir uns ein großes Vermögen geschaffen, weshalb ich ihn in meinem Testament zu meinem Alleinerben einsetze. Damit habe ich für ihn gesorgt und alles geregelt, so dass niemand Forderungen an ihn stellen kann. Nach meinem Tod verlangen meine Eltern ihren Pflichtteil. Zu Recht?

Gemäß § 2303 Abs. 2 BGB haben die Eltern einen Pflichtteil in Höhe der Hälfte des Erbes. Da die Eltern die einzigen gesetzlichen Erben sind, steht ihnen jeweils ½ meines Vermögens zu. Der Pflichtteil des jeweiligen Elternteils beläuft sich somit auf ¼ meines Nachlasses. Sollten beide Eltern bei meinem Tod noch leben, haben sie insgesamt Anspruch auf die Hälfte meines Vermögens.

Wie kann der Pflichtteil der Eltern geschmälert werden? Die einfachste Lösung ist, ich heirate meinen Lebensgefährten, dann erbt mein Mann gem. § 1931 Abs. 1, 2. Alt BGB die Hälfte meines Vermögens und erhält zusätzlich einen pauschalierten Zugewinn in Höhe von ¼ meines Vermögens gem. § 1371 Abs. 1 BGB und meine Elternteile haben jeweils einen Pflichtteilsanspruch in Höhe von 1/16 meines Vermögens. Der Rest wächst meinem Mann an.

Wenn ich keine Kinder habe brauche ich kein Testament?

Ich bin kinderlos und seit 40 Jahren verheiratet. Meine Eltern sind tot. Ich habe einen älteren Bruder, zu dem ich seit Jahren keinen Kontakt habe. Ein Testament brauche ich nicht, denn nach meinem Tod erbt mein Ehemann alles?

Mein Bruder ist gem. § 1925 Abs. 1 BGB gesetzlicher Erbe 2. Ordnung. Gem. § 1931 Abs. 1, 2. Alt BGB erbt mein Ehegatte neben Verwandten der zweiten Ordnung nur die Hälfte. Meinem Mann steht also nur ein Erbanspruch in Höhe von ½ + ¼ pauschalierter Zugewinn gemäß § 1371 BGB, also ¾ zu. ¼ erhält mein Bruder.

Mit einem Testament kann ich meinen Bruder von der Erbfolge ausschließen. Mein Bruder hat keinen Pflichtteilsanspruch. Es ist also dringend erforderlich, ein Testament zu fertigen.

Wenn ich das Erbe ausschlage, bekomme ich meinen Pflichtteil?

 

Ich bin mit meinem Bruder zur Hälfte Miterbe des Nachlasses meiner Eltern geworden, die uns ein Miethaus hinterlassen haben. Da ich mich nicht um die Vermietung und Verwaltung des Hauses kümmern möchte, will ich lieber die Erbschaft ausschlagen und dann meinen Pflichtteil verlangen.

Jeder Erbe, außer dem Ehegatten, der das Erbe ausschlägt, erhält keinen Pflichtteil. Der Ehegatte behält auch bei Ausschlagung der Erbschaft seinen Pflichtteil. Abkömmlinge behalten ihren Pflichtteil bei Ausschlagung des Erbes dann, wenn sie testamentarisch beschwert sind.

Nur, wenn die Eltern ein Testament gemacht hätten, in dem sie z. B. angeordnet haben, dass ich aus den Mieteinnahmen jedes Jahr 500,00 € spenden soll, oder wenn ich nur Vorerbe und nicht Vollerbe bin, also in irgendeiner Weise meinen gesetzlichen Erbanspruch beschwert oder beschränkt hätten, kann ich die Erbschaft ausschlagen und meinen Pflichtteil verlangen. Das gilt aber nur für Abkömmlinge.

In dem von mir geschilderten Fall bin ich gesetzliche Erbin geworden, weil kein Testament vorliegt. Wenn ich die Erbschaft ausschlage, gehe ich vollkommen leer aus.

 

Ich hab ein Anspruch auf mein Erbe?

 

Mein Sohn, zu dem ich seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatte, ist plötzlich aufgetaucht und verlangt seinen Erbteil von mir. Er droht, mich auf Zahlung zu verklagen. Ich bin der Meinung, er hat keinen Anspruch. Hab ich Recht?

Hierbei handelt es sich um einen weitverbreiteten Irrtum.

Einen Anspruch auf ein Erbe, ein Vermächtnis, einen Pflichtteil hat man nur, wenn der Erblasser bereits gestorben ist. Zu Lebzeiten kann der Erblasser mit seinem Vermögen tun und lassen, was er will. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass der Erblasser freiwillig im Wege der vorweggenommenen Erbfolge oder im Wege der Ausstattung oder im Wege der Schenkung an seine Abkömmlinge vor seinem Tod Vermögenswerte überträgt.

Ich hab meiner Tochter zu Lebzeiten schon Vermögen übertragen. Im Erbfall bekommt sie deshalb nichts mehr.

 

Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Meiner Tochter habe ich bereits Geldbeträge geschenkt. Nun möchte ich für mein rechtliches Vermögen meinen Sohn als Alleinerben einsetzen. Meine Tochter kann nichts mehr fordern, weil sie zu Lebzeiten Geldbeträge erhalten hat, die viel höher sind, als ihr Pflichtteilsanspruch sein könnte.

Grundsätzlich kann meine Tochter ihren Pflichtteil verlangen. Sie muss sich meine lebzeitigen Geschenke nur insoweit anrechnen lassen, als ich dies bei der Schenkung verfügt habe oder wenn es sich bei der Vermögensübergabe um eine sogenannte Ausstattung handelt. Was eine Ausstattung ist, ist in § 1624 BGB geregelt. Das, was man früher als Aussteuer oder Mitgift bezeichnet hat, ist eine sogenannte Ausstattung. Eine Ausstattung ist auch das, was ein Kind von seinen Eltern zur Begründung und Erhaltung einer Selbständigkeit erhalten hat oder eine sog. Übermaß-Ausbildung, hierzu gehört z. B. eine Ballettausbildung, die monatlich 10.000,00 € kostet. Alles das sind Ausstattungen, die sich das Kind auf den Pflichtteil und auf den Erbteil anrechnen lassen muss.

Der größte Irrtum, den Eltern haben können ist: „Die Kinder werden sich schon vertragen“

 

Es gehört zu den gern verdrängten Vorstellungen, dass sich geliebte Menschen eines Tages vor Gericht ums Erbe streiten, dass die Fetzen fliegen. Eines ist klar, bei aller Vorsorge kann man nie mit letzter Sicherheit ausschließen, dass es zu Konflikten kommt. Durch die Anordnung bestimmter Klauseln und einer klaren unzweideutigen Testaments- oder Erbvertragsgestaltung kann aber das Konfliktpotential minimiert werden. Insofern halte ich es für erforderlich, dass bei Vorhandensein von mehreren Kindern ein gegenseitiges Testament oder ein Erbvertrag geschlossen wird.