Genussscheine 8,5 Prozent vom Gemüsebauern Behr AG - wie geht es weiter?

07.09.20131228 Mal gelesen
Knackige 8,5 Prozent Zinsen versprach die Behr AG den Zeichnern des von ihr aufgelegten Genussscheins. Deutschlands größter Salatanbaubetrieb wollte in Polen und Rumänien expandieren. Ein Investment mit Wachstumschancen aber auch mit Risiken. Nun sind die Risiken da! Was ist zu tun?

Familienbetriebe, die expandieren wollen, haben es nicht immer leicht. Die Möglichkeiten der Eigenmittelfinanzierung sind häufig begrenzt und je mehr sie externe Kapitalgeber einschalten, desto stärker droht der Charakter als Familien- betriebe verloren zu gehen.

Das Mittel der Wahl sind zumindest im begrenzten Umfang dann Privatplazier- ungen von Wertpapieren, ein Weg, den nun auch der niedersächsische Gemüseanbauer Behr AG einschlägt.

Bis zu zehn Millionen Euro will die Behr AG durch Ausgabe eines Genussscheins einwerben und bietet dafür eine jährliche Basisverzinsung von 8,5 Prozent. Die Laufzeit beträgt zehn Jahre, wobei es ab dem achten Jahr ein Kündigungsrecht für den Inhaber gibt. Laufen die Geschäfte besonders gut, so können Anleger zudem in den Genuss eines gewinnabhängigen Bonus von bis zu 1 Prozent- punkt mehr kommen, so dass die erzielbare Gesamtrendite sogar 9,5 Prozent beträgt.

Gemüsegarten-Logistik

Wie bei Genussscheinen üblich gilt das aber nur, dann, wenn die Behr AG über ausreichend Bilanzgewinn verfügt. Fällt dieser kleiner aus, sinkt die Rendite entsprechend. Das geht soweit, dass die Genussrechte im Verlustfall auch an diesem teilhaben, indem die Rückzahlungsansprüche entsprechend schmäler ausfallen. Dann bleibt den Anlegern nur übrig zu hoffen, dass sich die Gewinn- situation in den kommenden Jahren wieder verbessert, damit die Ansprüche wieder aufgefüllt werden.

Den Verlustfall hält Finanzvorstand Ulf Wittlich aufgrund der Unternehmens- konstruktion für praktisch ausgeschlossen. Denn die Behr AG als Emittentin ist die operative Holding des Konzerns, die für die Strategie und den Vertrieb zuständig ist. Schlechtere Jahre im Gemüsebau, wie etwa 2004, 2007 und voraussichtlich auch 2008, in denen das Hauptprodukt Eisbergsalat von den Lieferanten nur mit Verlusten produziert werden konnte, schlagen sich daher im Ergebnis der AG höchstens mittelbar nieder.

Insofern konnte die AG in den vergangenen drei Jahren vergleichsweise stabile Jahresüberschüsse zwischen 1,73 und 1,24 Millionen Euro erzielen. Dagegen sank der Konzernjahresüberschuss zwischen 2005 und 2007 trotz steigender Umsätze von 1,8 Millionen auf 231.000 Euro.

Dennoch gilt, dass nach den ausgewiesenen Bilanzgewinnen der vergangenen drei Jahre der Genussschein hätte nur in einem Jahr voll bedient werden können. 2007 und 2005 hätte dagegen die Rücklagenzuführung kleiner ausfallen müssen, was im Endeffekt zulasten der Fähigkeit des Unternehmens gegangen wäre, die Genussrechte zu tilgen.

Indes soll dies der Behr AG künftig leicht fallen - eben dank der Emission. Die Mittel sollen vorrangig der Expansion in Polen und Rumänien zugute kommen, wo Behr seit 2006 vertreten ist. Hier sieht man noch Wachstumspotential, wird die Gemüseversorgung in beiden Ländern doch großteils nicht über Supermärkte gewährleistet.

Mit deren Verbreitung will Behr mitwachsen und sieht dies als vergleichsweise leicht realisierbar an, verfügt man doch über die entsprechenden Kontakte, Erfahrungen, Renommee und Produkte. Dazu will man die eigenen Handels- und Infrastruktur verbessern.

Schwer prognostizierbar sei das Wachstum indes doch, sagt Wittlich, schließlich gehe es hier um die „Einschwingung von Systemen“, um Verdrängung und den Erfolg für den Konsumenten neuer Produkte.

Die letzteren beiden Wege sind grundsätzlich auch die einzigen, von denen sich das Unternehmen im Heimatmarkt, in dem bisher rund 95 Prozent der Umsätze entstehen, überhaupt noch Wachstumsimpulse verspricht. Denn unter diversen gängigen Handelsmarkennamen sowie den Namen „Gemüsegarten“ und „Biobär“ ist man praktisch schon im gesamten Lebensmitteleinzelhandel von Rewe über Edeka und Tengelmann vertreten.

Und wo man noch nicht ist, will man auch nicht sein, sagt der Vorstandsvor- sitzende Rudolf Behr. Der harte Discount mit seiner unbedingten Priorisierung des niedrigsten Preises sei nicht der Zielmarkt. Gemüse von Behr solle zunächst einmal schmecken und nicht, so der Gemüsebauer spöttisch, der Devise der Fußballindustrie folgen: Trittfest und mit guten Flugeigenschaften versehen.

Da versucht man es lieber mit Produktinnovationen. Damit hat man Erfahrung, zählt man sich doch zu den Pionieren bei der Markteinführung von Eisbergsalat, wo man derzeit Marktführer ist. Jetzt will man sich mit sogenanntem „Conven-iance-Food“ wie etwa für die Zubereitung in der Mikrowelle vorbereiteten speziell kleinen Kohlköpfen versuchen.

Was für die Emission spricht, ist die Tatsache, dass es sich bei der Behr AG keineswegs um einen Start-Up mit ungewissen Aussichten handelt. Das Geschäft in Deutschland muss als solide, wenngleich auch wenig wachstums- trächtig gelten. Es sollte aber eine gute Grundlage für die Bedienung des Ge- nussscheins darstellen. Der Bonus ist ein Bonus, darauf spekulieren sollte man nicht im Vorhinein.

Insgesamt hängt ein erfolgreiches Investment vom Erfolg der Expansion in Polen und Rumänien ab. Aber deswegen ist ein Genussschein auch eine unterneh-merische Beteiligung mit auf Zeit gewährtem Eigenkapital, ein Umstand, dessen sich Anleger bewusst sein sollten. Auch auf die geplante Notierung im Freiver- kehr sollte man nicht zu sehr bauen, ist der Markt für Kleinemissionen doch in der Regel wenig liquide.

Aufgrund der geringen Stückelung von1000 Euro werden Kleinanleger als Kunden bevorzugt.

Im elektronische Bundesanzeiger im Internet erfährt man beim Blick in den Jahresabschluss des Salatbauers Behr AG, dass die Genussrechtsinhaber infolge hoher Verluste zum Jahresende 2012 keinen Rückzahlungsanspruch mehr hatten. Das ist das große Risiko an Genussrechten: Macht das Unter- nehmen Verluste, so kann das Genussrechtskapital zur Deckung herangezogen werden. Der Rückzahlungswert der Scheine wird gesenkt. Die Behr AG geriet 2011 durch die EHEC-Panik in eine Existenzkrise: „Gurken, Tomaten, Salat - von einem Tag auf den anderen haben wir fast nichts mehr verkauft“, sagt Finanz- vorstand Ulf Wittlich. In den kommenden Wochen sollen die rund 170 Anleger informiert werden.

Anleger sollten sich durch einen Fachanwalt für Bank- und Kapitalanlagerecht beraten lassen.