Das Arbeitszeugnis - Stilblüten der wohlwollenden Formulierung -

06.10.2014318 Mal gelesen
Nach § 109 Abs. 1 GewO hat der Arbeitnehmer bei Beendigung eines Arbeitsverhältnisses einen Anspruch auf ein schriftliches Zeugnis. Nach § 109 Abs. 2 GewO muss das Zeugnis klar und verständlich formuliert sein.

Bereits im Jahr 1960 hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) ausgeführt, dass die Einheitlichkeit, die Vollständigkeit und die Wahrheit Grundsätze des Zeugnisrechts sind (BAG Urteil vom 23.06.1960 – 5 AZR 560/58). Frühzeitig entschieden und seitdem unumstritten ist zudem, dass die Wortwahl im Ermessen des Arbeitgebers liegt und bei Abfassung des Zeugnisses der wohlwollende Maßstab eines verständigen Arbeitgebers anzulegen ist (BAG Urteil vom 08.02.1972 – 1 AZR 189/71).

 

Die gutgemeinte gesetzgeberische und rechtsprechende Intention hat nun leider keineswegs dazu geführt, dass Arbeitszeugnisse gleichsam wohlwollend, wahrheitsgemäß und verständlich formuliert werden. Vielmehr ist die heutige Zeugnissprache mit dieser gutgemeinten Intention nicht mehr in Einklang zu bringen.

 

Soweit es sich tatsächlich um gute bis sehr gute Zeugnisse handelt, hat sich eine Sprache entwickelt, die zwar nicht schön aber zumindest noch nachvollziehbar ist. So ist mittlerweile weitgehend bekannt dass die Formulierung

 

„Er/Sie hat die ihm/ihr übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt. Das Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern war stets höflich und korrekt.“

 

einer guten Beurteilung entspricht. Einer sehr guten Beurteilung entspricht erst die seltsam anmutende Formulierung.

 

„Er/Sie hat die ihm/ihr übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt. Das Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern war stets vorbildlich.“

 

Soweit es jedoch darum geht weniger positive Eigenschaften des Arbeitnehmer im Zeugnis darzustellen, gibt es mittlerweile vielfältige Stilblüten die zwar wohlwollend formuliert sind, aber wenig Positives aussagen. Einem äußerst bequemen, arbeitsfaulen Arbeitnehmer wurde ins Zeugnis geschrieben:

 

„Er verstand es hervorragend zu delegieren.“


Ein Arbeitnehmer, den sein Arbeitgeber als Wichtigtuer empfand, konnte folgendes in seinem Arbeitszeugnis lesen:

 

„Er war tüchtig und konnte sich gut verkaufen.“

 

Einfallsreich wird auch die ausgeprägte Neigung zum Alkohol umschrieben. Die beiden Formulierungen

 

„Er war ein geselliger Mitarbeiter.“ und

 

„Er stand stets voll hinter uns.“

 

sollten jeweils Rückschlüsse auf die Trinksucht eines ehemaligen Mitarbeiters zulassen.

 

Originell, aber für den Arbeitnehmer wenig hilfreich war auch folgende Formulierung:

 

„Er war ehrlich bis auf die Knochen.“

 

Dieser Satz wurde einem Metzger ins Zeugnis geschrieben, der seinem Arbeitgeber Knochen gestohlen hatte.

 

Aufgrund langjähriger Erfahrung im Arbeitsrecht und aus fachanwältlicher Sicht ist es daher zu empfehlen, das Arbeitszeugnis fachkundig prüfen zu lassen.

 

Wir beraten Sie gerne. Kontaktieren Sie uns unter 0221 / 4920140.

Rechtsanwalt Severin Brinkmann 

Fachanwalt für Arbeitsrecht