BVerfG, 03.11.2015 - 1 BvR 1766/15; 1 BvR 1783/15; 1 BvR 1815/15 - Verfassungsbeschwerde einer öffentlich-rechtlichen Wohnungsbaugesellschaft betreffend die Heranziehung zu Schmutzwasseranschlussbeiträgen

Bundesverfassungsgericht
Beschl. v. 03.11.2015, Az.: 1 BvR 1766/15; 1 BvR 1783/15; 1 BvR 1815/15
Gericht: BVerfG
Entscheidungsform: Beschluss
Datum: 03.11.2015
Referenz: JurionRS 2015, 32537
Aktenzeichen: 1 BvR 1766/15; 1 BvR 1783/15; 1 BvR 1815/15
 

Fundstellen:

BB 2016, 1

NVwZ-RR 2016, 242-243

NZG 2016, 6 (Pressemitteilung)

wistra 2016, 3-4

ZAP EN-Nr. 31/2016

ZAP 2016, 17

ZIP 2015, 5

In den Verfahren
über
die Verfassungsbeschwerden
XXX
I. 1. unmittelbar gegen
a) das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 15. April 2015 - BVerwG 9 C 20.14 -,
b) das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Mecklenburg-Vorpommern vom 1. April 2014 - 1 L 208/13 -,
c) das Urteil des Verwaltungsgerichts Schwerin vom 13. Juni 2013 - 4 A 1461/12 -,
d) den Widerspruchsbescheid des Wasserversorgungsund Abwasserzweckverbands Güstrow-Bützow-Sternberg, Warnow-Wasser- und Abwasserverband, Wasser- und Bodenverband vom 2. Juni 2006 - 0157-0162-06-R-KBB-lu
e) den Bescheid des Wasserversorgungs- und Abwasserzweckverbands Güstrow-Bützow-Sternberg vom 19. April 2006 - Bescheidnummer B2006000151 -,
2. mittelbar gegen
a) § 9 Abs. 3 Satz 1 des Kommunalabgabengesetzes des Landes Mecklenburg-Vorpommern in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. April 2005 (GVOBl S. 146), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 13. Juli 2011 (GVOBl S. 777),
b) § 12 Abs. 2 Satz 1 Halbsatz 2 des Kommunalabgabengesetzes des Landes Mecklenburg-Vorpommern in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. April 2005 (GVOBl S. 146), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 13. Juli 2011 (GVOBl S. 777)
- 1 BvR 1766/15 -,
II. 1. unmittelbar gegen
a) das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 15. April 2015 - BVerwG 9 C 19.14 -,
b) das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Mecklenburg-Vorpommern vom 1. April 2014 - 1 L 207/13 -,
c) das Urteil des Verwaltungsgerichts Schwerin vom 13. Juni 2013 - 4 A 1460/12 -,
d) den Widerspruchsbescheid des Wasserversorgungsund Abwasserzweckverbands Güstrow-Bützow-Sternberg, Warnow-Wasser- und Abwasserverband, Wasser- und Bodenverband vom 2. Juni 2006 - 0157-0162-06-R-KBB-lu -,
e) den Bescheid des Wasserversorgungs- und Abwasserzweckverbands Güstrow-Bützow-Sternberg vom 19. April 2006 - Bescheidnummer B2006000146 -,
2. mittelbar gegen
a) § 9 Abs. 3 Satz 1 des Kommunalabgabengesetzes des Landes Mecklenburg-Vorpommern in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. April 2005 (GVOBl S. 146), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 13. Juli 2011 (GVOBl S. 777),
b) § 12 Abs. 2 Satz 1 Halbsatz 2 des Kommunalabgabengesetzes des Landes Mecklenburg-Vorpommern in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. April 2005 (GVOBl S. 146), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 13. Juli 2011 (GVOBl S. 777)
- 1 BvR 1783/15 -,
III. 1. unmittelbar gegen
a) das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 15. April 2015 - BVerwG 9 C 21.14 -,
b) das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Mecklenburg-Vorpommern vom 1. April 2014 - 1 L 210/13 -,
c) das Urteil des Verwaltungsgerichts Schwerin vom 13. Juni 2013 - 4 A 1628/12 -,
d) den Widerspruchsbescheid des Wasserversorgungsund Abwasserzweckverbands Güstrow-Bützow-Sternberg, Warnow-Wasser- und Abwasserverband, Wasser- und Bodenverband vom 28. Mai 2002 - KV/ Lü. - in der Fassung vom 7. Oktober 2005 - 0161-05-R-br -,
e) den Bescheid des Wasserversorgungs- und Abwasserzweckverbands Güstrow-Bützow-Sternberg vom 24. Oktober 2001 - Bescheidnummer B 2001000509 -,
2. mittelbar gegen
a) § 9 Abs. 3 Satz 1 des Kommunalabgabengesetzes des Landes Mecklenburg-Vorpommern in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. April 2005 (GVOBl S. 146), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 13. Juli 2011 (GVOBl S. 777),
b) § 12 Abs. 2 Satz 1 Halbsatz 2 des Kommunalabgabengesetzes des Landes Mecklenburg-Vorpommern in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. April 2005 (GVOBl S. 146), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 13. Juli 2011 (GVOBl S. 777)
- 1 BvR 1815/15 -
hat die 2. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch
die Richter Gaier,
Schluckebier,
Paulus
gemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473)
am 3. November 2015 einstimmig beschlossen:

Tenor:

Die Verfassungsbeschwerden werden nicht zur Entscheidung angenommen.

Gründe

I.

Die Beschwerdeführerin wendet sich mit ihren Verfassungsbeschwerden gegen ihre Heranziehung zu Schmutzwasseranschlussbeiträgen auf der Grundlage des Kommunalabgabengesetzes des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

1. Die Beschwerdeführerin ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, deren Gesellschafter ausschließlich Städte und Gemeinden sind. Sie ist als Wohnungsbaugesellschaft tätig und hat sich ausweislich ihrer Satzung "zur Bereitstellung von Wohnraum (...) zu wirtschaftlich vertretbaren Bedingungen und zur Schaffung und Erhaltung von preisgünstigem Wohnraum für finanziell schwächer gestellte Bevölkerungskreise" verpflichtet.

2. Mit ihren Verfassungsbeschwerden rügt sie eine Verletzung der Grundrechte aus Art. 3 Abs. 1 GG sowie aus Art. 2 Abs. 1 und Art. 14 in Verbindung mit dem aus Art. 20 Abs. 3 GG folgenden Grundsatz der Rechtssicherheit in seiner Ausprägung als Gebot der Belastungsklarheit und -vorhersehbarkeit.

II.

Die Verfassungsbeschwerden werden nicht zur Entscheidung angenommen. Annahmegründe nach § 93a Abs. 2 BVerfGG liegen nicht vor. Den Verfassungsbeschwerden kommt weder grundsätzliche verfassungsrechtliche Bedeutung zu noch ist ihre Annahme zur Durchsetzung der von der Beschwerdeführerin als verletzt gerügten Grundrechte angezeigt. Sie sind unzulässig.

Der Beschwerdeführerin fehlt es an der erforderlichen Beschwerdebefugnis, denn sie ist im Hinblick auf die von ihr geltend gemachten Grundrechte nicht grundrechtsfähig (Art. 19 Abs. 3 GG).

1. Nach § 90 Abs. 1 BVerfGG kann "jedermann" mit der Behauptung, durch die öffentliche Gewalt in einem seiner Grundrechte oder grundrechtsgleichen Rechte verletzt zu sein, Verfassungsbeschwerde erheben. Beschwerdefähig ist demnach, wer Träger eines als verletzt gerügten Grundrechts oder grundrechtsgleichen Rechts sein kann (vgl. BVerfGE 129, 78 [BVerfG 19.07.2011 - 1 BvR 1916/09] <91>; BVerfG, Beschluss des Ersten Senats vom 16. Dezember 2014 - 1 BvR 2142/11 -, NVwZ 2015, S. 510 <511>). Grundrechtsträger sind nach Art. 19 Abs. 3 GG auch inländische juristische Personen, soweit Grundrechte betroffen sind, die ihrem Wesen nach auf diese anwendbar sind. Allerdings dienen die Grundrechte vorrangig dem Schutz der Freiheitssphäre des einzelnen Menschen als natürlicher Person gegen Eingriffe der staatlichen Gewalt (vgl. BVerfGE 15, 256 [BVerfG 16.01.1963 - 1 BvR 316/60] <262>; 21, 362 <369>; 59, 231 <255>; 61, 82 <100 f.>; 65, 1 <43>). Die Grundrechtsfähigkeit einer juristischen Person des öffentlichen Rechts ist vor diesem Hintergrund grundsätzlich dann zu verneinen, wenn diese öffentliche Aufgaben wahrnimmt (vgl. BVerfGE 21, 362 <369 f.>; 45, 63 <78>; 61, 82 <101>; 68, 193 <206>; 70, 1 <15>; 75, 192 <197>; 85, 360 <385>; BVerfG, Beschluss des Ersten Senats vom 16. Dezember 2014 - 1 BvR 2142/11 -, NVwZ 2015, S. 510 <511 f.>). Gleiches gilt für juristische Personen des Privatrechts, die von der öffentlichen Hand gehalten oder beherrscht werden (vgl. BVerfGE 45, 63 <79 f.>; 68, 193 <212 f.>; 128, 226 <245 f., 247>). Eine Ausnahme von diesem Grundsatz gilt für solche juristischen Personen des öffentlichen Rechts, die von den ihnen durch die Rechtsordnung übertragenen Aufgaben her unmittelbar einem durch bestimmte Grundrechte geschützten Lebensbereich zugeordnet sind, wie Universitäten und Fakultäten (vgl. BVerfGE 15, 256 [BVerfG 16.01.1963 - 1 BvR 316/60] <262>), öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten (BVerfGE 31, 314 <322>; 59, 231 <254>; 78, 101 <102 f.>) und Kirchen (BVerfGE 18, 385 [BVerfG 17.02.1965 - 1 BvR 732/64] <386 f.>; 42, 312 <322>; 66, 1 <19 f.>).

2. Die Beschwerdeführerin ist eine juristische Person des Privatrechts, deren Gesellschafter ausschließlich Städte und Gemeinden sind. Als von der öffentlichen Hand gehaltenes Unternehmen nimmt sie Aufgaben der Wohnraumversorgung und der Förderung des Wohnungsbaus, insbesondere des sozialen Wohnungsbaus, und damit typische öffentliche Aufgaben der Daseinsvorsorge (vgl. BVerfGE 95, 64 <85>) wahr, ohne einem durch bestimmte Grundrechte geschützten Lebensbereich zugeordnet zu sein.

Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Gaier

Schluckebier

Paulus

Verbundene Verfahren
BVerfG - 03.11.2015 - AZ: 1 BvR 1783/15
BVerfG - 03.11.2015 - AZ: 1 BvR 1815/15

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