BGH, 14.02.2012 - V ZB 4/12 - Verletzen des Anspruchs auf rechtliches Gehör bei Zurückweisung einer Beschwerde vor Ablauf der Begründungsfrist

Bundesgerichtshof
Beschl. v. 14.02.2012, Az.: V ZB 4/12
Gericht: BGH
Entscheidungsform: Beschluss
Datum: 14.02.2012
Referenz: JurionRS 2012, 10593
Aktenzeichen: V ZB 4/12
 

Verfahrensgang:

vorgehend:

AG Neu-Ulm - 13.12.2011 - AZ: XIV 13/11

AG Neu-Ulm - 13.12.2011 - AZ: XIV 13/11

LG Memmingen - 15.12.2011 - AZ: 42 T 1942/11

nachgehend:

BGH - 23.01.2013 - AZ: V ZB 4/12

Rechtsgrundlage:

Art. 103 Abs. 1 GG

Redaktioneller Leitsatz:

1.

Ein statthafter Aussetzungsantrag hat in der Sache Erfolg, wenn bei der gebotenen summarischen Prüfung davon auszugehen ist, dass die Rechtsbeschwerde Erfolg haben wird. Das ist der Fall, wenn die Haftanordnung und die Entscheidung über die Beschwerde den Betroffenen in seinen Rechten verletzt haben.

2.

Eine Haftanordnung erscheint bereits dann rechtswidrig, wenn sich weder aus der Akte noch aus dem Protokoll der Anhörung des Betroffenen ergibt, dass diesem der Haftantrag vor dem Anhörungstermin ausgehändigt worden ist. Die Bekanntgabe des Haftantrags ist jedoch notwendige Voraussetzung für die ausreichende Gewährung rechtlichen Gehörs, da andernfalls nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Betroffene nicht in der Lage war, sich zu sämtlichen Angaben der Behörde zu äußern.

3.

Ein Haftantrag muss die gesetzlich vorgeschriebenen Angaben über die erforderliche Dauer der Haft bis zur Zurückschiebung des Betroffenen enthalten. Allgemeine Angaben, welche Maßnahmen zur Durchführung der Zurückschiebung möglicherweise in Betracht kommen könnten, genügen nicht. Die Begründung der Erforderlichkeit der Dauer der beantragten Freiheitsentziehung muss vielmehr auf die Maßnahmen für die Zurückschiebung des Ausländers bezogen sein und Ausführungen dazu enthalten, dass und in welchen Zeiträumen Zurückschiebungen in die im konkreten Fall in Betracht kommenden Zielstaaten üblicherweise möglich sind. Soweit Rückübernahmeabkommen mit Staaten bestehen, sind die für die Erledigung der Ersuchen um Rückübernahme des Ausländers durchzuführenden Maßnahmen und der dafür üblicherweise benötigte Zeitraum in dem Haftantrag darzustellen.

4.

Das Verfassungsgebot zur Gewährung rechtlichen Gehörs wird verletzt, wenn das Beschwerdegericht bereits zwei Tage nach der Haftanordnung über die noch im Termin vor dem Amtsgericht, unmittelbar im Anschluss an die Haftanordnung erhobene Beschwerde entschieden hat, ohne eine für die Begründung des Rechtsmittels angemessene Zeit zuzuwarten. Auch wenn sich ein anwaltlich nicht vertretener Betroffener nicht ausdrücklich die Begründung seiner Beschwerde vorbehalten hat, darf das Beschwerdegericht das Rechtsmittel erst dann zurückweisen, wenn eine von ihm gesetzte Frist für die Begründung verstrichen ist oder es eine für dessen Begründung angemessene Zeit zugewartet hat.

Der V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 14. Februar 2012 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Krüger, die Richterin Dr. Stresemann, den Richter Dr. Czub und die Richterinnen Dr. Brückner und Weinland

beschlossen:

Tenor:

Die Vollziehung der mit Beschluss des Amtsgerichts Neu-Ulm vom 13. Dezember 2011 angeordneten und mit Beschluss des Landgerichts Memmingen vom 15. Dezember 2011 aufrechterhaltenen Sicherungshaft wird einstweilen eingestellt.

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