BFH, 03.11.2015 - VIII R 62/13 - Ertragssteuerliche Behandlung; Gewerbesteuerpflicht einer Ärzte-GbR

Bundesfinanzhof
Urt. v. 03.11.2015, Az.: VIII R 62/13
Gericht: BFH
Entscheidungsform: Urteil
Datum: 03.11.2015
Referenz: JurionRS 2015, 38452
Aktenzeichen: VIII R 62/13
 

Verfahrensgang:

vorgehend:

FG Düsseldorf - 19.09.2013 - AZ: 11 K 3969/11 G

Fundstellen:

ArztR 2016, 247-248

BB 2016, 789

BBK 2016, 419

BFH/NV 2016, 833-834

BFH/PR 2016, 178

BStBl II 2016, 381-383

DB 2016, 6

DB 2016, 746-747

DStRE 2016, 723-724

EStB 2016, 161

FR 2016, 729

GWR 2016, 176

HFR 2016, 532-533

NWB 2016, 986

NWB direkt 2016, 320

NZG 2016, 600

PFB 2016, 117

StB 2016, 123

StBp 2016, 184

StuB 2016, 318

StX 2016, 212

Amtlicher Leitsatz:

Die Einkünfte einer Ärzte-GbR sind insgesamt solche aus Gewer-bebetrieb, wenn die GbR auch Vergütungen aus ärztlichen Leis-tungen erzielt, die in nicht unerheblichem Umfang ohne leitende und eigenverantwortliche Beteiligung der Mitunternehmer-Gesellschafter erbracht werden.

Tenor:

Die Revision der Klägerin gegen das Urteil des Finanzgerichts Düsseldorf vom 19. September 2013 11 K 3969/11 G wird als unbegründet zurückgewiesen.

Die Kosten des Revisionsverfahrens hat die Klägerin zu tragen.

Gründe

I.

1

Streitig ist, ob die Einkünfte, die die Klägerin und Revisionsklägerin (Klägerin) im Streitjahr (2007) aus dem Betrieb einer Arztpraxis erzielt hat, als gewerblich zu qualifizieren sind.

2

Die Klägerin ist eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), bestehend aus den Ärzten Dr. L und Dr. G. Diese hatten im Streitjahr mit Dr. N —einer weiteren Ärztin— eine Arztpraxis betrieben. Für die weiteren Einzelheiten nimmt der Senat auf den Tatbestand seines Urteils vom 3. November 2015 VIII R 63/13 (zur amtlichen Veröffentlichung bestimmt) Bezug.

3

Im Rahmen einer im Jahr 2009 bei der Klägerin durchgeführten Außenprüfung gelangte der Außenprüfer nicht nur zu der Auffassung, dass Dr. N steuerlich nicht als Mitunternehmerin der Klägerin anzusehen und die Einkünfte der Klägerin somit nicht gesondert und einheitlich für die Herren Dr. L und Dr. G sowie Frau Dr. N festzustellen seien. Er war zudem der Meinung, dass die Klägerin, soweit sie Honorarumsätze aus der Behandlung der Patienten durch Frau Dr. N vereinnahmt habe, gewerbliche Einkünfte erziele. Ihr Betrieb gelte deshalb gemäß § 15 Abs. 3 Nr. 1 des Einkommensteuergesetzes in der im Streitjahr geltenden Fassung (EStG) in vollem Umfang als Gewerbebetrieb.

4

Der Beklagte und Revisionsbeklagte (das Finanzamt —FA—) schloss sich dieser Auffassung an und erließ am 27. August 2010 einen an die Klägerin bekannt gegebenen Bescheid für 2007 über den Gewerbesteuermessbetrag, in dem es den gesamten Gewinn der Klägerin in den Gewerbeertrag gemäß § 7 Satz 1 des Gewerbesteuergesetzes (GewStG) einbezog. Der "Gewinnanteil" der Dr. N blieb bei der Feststellung des Gewerbesteuermessbetrages unberücksichtigt.

5

Der hiergegen gerichtete Einspruch blieb ohne Erfolg, ebenso die nachfolgende Klage.

6

Ihre Revision begründet die Klägerin mit der Verletzung materiellen Rechts. Das Finanzgericht (FG) habe die Mitunternehmerstellung der Dr. N fälschlicherweise verneint.

7

Die Klägerin beantragt,

das FG-Urteil vom 19. September 2013 11 K 3969/11 G und den Gewerbesteuermessbetragsbescheid 2007 vom 27. August 2010 in Gestalt der Einspruchsentscheidung vom 13. Oktober 2011 aufzuheben.

8

Das FA beantragt,

die Revision als unbegründet zurückzuweisen.

II.

9

Die Revision ist unbegründet und daher zurückzuweisen (§ 126 Abs. 2 der Finanzgerichtsordnung —FGO—).

10

Das FG hat zu Recht erkannt, dass die Klägerin gemäß § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG insgesamt Einkünfte aus Gewerbebetrieb erzielte und gemäß § 2 Abs. 1 GewStG i.V.m. § 5 Abs. 1 Satz 3 GewStG der Gewerbesteuer unterlag.

11

1. Eine Personengesellschaft entfaltet nur dann eine Tätigkeit, die die Ausübung eines freien Berufs i.S. von § 18 EStG darstellt, wenn sämtliche Gesellschafter die Merkmale eines freien Berufs erfüllen (z.B. Senatsurteile vom 28. Oktober 2008 VIII R 69/06, BFHE 223, 206, BStBl II 2009, 642 [BFH 28.10.2008 - VIII R 69/06]; vom 27. August 2014 VIII R 6/12, BFHE 247, 513, BStBl II 2015, 1002 [BFH 27.08.2014 - VIII R 6/12]; vom 26. Januar 2011 VIII R 3/10, BFHE 232, 453, BStBl II 2011, 498 [BFH 26.01.2011 - VIII R 3/10]; vom 15. Juni 2010 VIII R 10/09, BFHE 230, 47, BStBl II 2010, 906 [BFH 15.06.2010 - VIII R 10/09]; vom 4. Juli 2007 VIII R 77/05, BFH/NV 2008, 53).

12

Nach § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 3 EStG ist ein Angehöriger eines freien Berufs auch dann noch freiberuflich tätig, wenn er sich der Mithilfe fachlich vorgebildeter Arbeitskräfte bedient, die die Arbeit des Berufsträgers jedenfalls in Teilbereichen ersetzt und nicht nur von untergeordneter Bedeutung ist. Fachlich vorgebildetes Personal sind die im Betrieb des Freiberuflers beschäftigten Personen, aber auch Subunternehmer oder freie Mitarbeiter (z.B. Urteile des Bundesfinanzhofs —BFH— vom 14. März 2007 XI R 59/05, BFH/NV 2007, 1319; vom 20. Dezember 2000 XI R 8/00, BFHE 194, 206, BStBl II 2002, 478, [BFH 20.12.2000 - XI R 8/00] m.w.N.). Fachlich vorgebildet ist sowohl der Mitarbeiter, der dieselbe Qualifikation wie der Betriebsinhaber erworben hat, als auch derjenige, der eine weniger qualifizierte Berufsausbildung aufzuweisen hat (z.B. BFH-Urteil in BFH/NV 2007, 1319 [BFH 14.03.2007 - XI R 59/05]).

13

Bedient sich der Angehörige eines freien Berufs einer entsprechenden Mithilfe, muss er aufgrund eigener Fachkenntnisse leitend und eigenverantwortlich tätig werden (z.B. Senatsurteile in BFHE 223, 206, BStBl II 2009, 642 [BFH 28.10.2008 - VIII R 69/06]; in BFH/NV 2008, 53 [BFH 04.07.2007 - VIII R 77/05]; in BFHE 221, 238, BStBl II 2008, 681; BFH-Urteil vom 18. Oktober 2006 XI R 9/06, BFHE 215, 210, BStBl II 2007, 266 [BFH 18.10.2006 - XI R 9/06]). Für einen Arzt bedeutet dies, dass er eine höchstpersönliche, individuelle Arbeitsleistung am Patienten schuldet und deshalb einen wesentlichen Teil der ärztlichen Leistungen selbst erbringen muss (vgl. Senatsurteil vom 16. Juli 2014 VIII R 41/12, BFHE 247, 195, BStBl II 2015, 216 [BFH 16.07.2014 - VIII R 41/12]; BFH-Urteil vom 22. Januar 2004 IV R 51/01, BFHE 205, 151, BStBl II 2004, 509, [BFH 22.01.2004 - IV R 51/01] m.w.N.).

14

Erbringen die Gesellschafter einer Personengesellschaft ihre Leistungen teilweise freiberuflich und teilweise —mangels Eigenverantwortlichkeit— gewerblich, so ist ihre Tätigkeit nach § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG insgesamt als gewerblich zu qualifizieren (z.B. Senatsurteile in BFHE 247, 513, BStBl II 2015, 1002 [BFH 27.08.2014 - VIII R 6/12]; in BFH/NV 2008, 53 [BFH 04.07.2007 - VIII R 77/05]).

15

2. Das FG ist unter Anwendung dieser Grundsätze zu Recht davon ausgegangen, dass die Klägerin, deren Mitunternehmer-Gesellschafter Dr. L und Dr. G als Ärzte tätig waren, insoweit eine freiberufliche Tätigkeit i.S. des § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG ausgeübt hat. Es hat —ebenso zutreffend— Dr. N nicht als Mitunternehmerin der Klägerin angesehen. Der Senat verweist insoweit auf die Ausführungen in seinem Urteil vom 3. November 2015 in dem unter dem Aktenzeichen VIII R 63/13 geführten Verfahren (zur amtlichen Veröffentlichung bestimmt).

16

3. Das FG hat ferner ohne Rechtsfehler erkannt, dass die Vergütungen aus den von Dr. N im Namen der Klägerin erbrachten ärztlichen Leistungen nicht auf eine leitende und eigenverantwortliche Tätigkeit der Mitunternehmer-Gesellschafter der Klägerin, der Herren Dr. L und Dr. G, entfielen, und die Einkünfte der Klägerin daher als solche aus Gewerbebetrieb zu qualifizieren sind (§ 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG).

17

Es hat mit bindender Wirkung festgestellt (§ 118 Abs. 2 FGO), dass Dr. N ihre Patienten eigenverantwortlich behandelte. Eine Überwachung durch Dr. L und Dr. G erfolgte ebenso wenig wie deren persönliche Mitwirkung bei der Behandlung dieser Patienten.

18

War die Klägerin hiernach nicht in vollem Umfang freiberuflich tätig, so waren ihre Einkünfte in solche aus Gewerbebetrieb umzuqualifizieren (§ 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG). Die aus der Tätigkeit der Dr. N auf der Ebene der Klägerin erzielten Einkünfte waren nicht von lediglich untergeordneter Bedeutung (vgl. zur Bagatellgrenze für die Nichtanwendung der Abfärberegelung in § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG das Senatsurteil in BFHE 247, 513, BStBl II 2015, 1002 [BFH 27.08.2014 - VIII R 6/12]).

19

4. Die Höhe des Gewerbesteuermessbetrages ist zwischen den Beteiligten unstreitig und unterliegt auch aus Sicht des Senates keinen Bedenken.

20

5. Die Kostenentscheidung folgt aus § 135 Abs. 2 FGO.

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